4 | 2017 Oktober – Dezember

Robert Doisneau - Fotografien. Vom Handwerk zur Kunst

Als Bildjournalist arbeitete der französische Fotograf Robert Doisneau für die großen Magazine wie Vogue, Le Point und Life. Seine berühmtesten Bilder entstehen in der Mitte des letzten Jahrhunderts bei Streifzügen durch die französische Metropole. Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau gibt mit rund 100 ausgewählten Arbeiten Einblick in sein Werk.
 
Robert Doisneau, Le Baiser de l'Hôtel de Ville, Paris, 1950. Fotografie.
© Atelier Robert Doisenau
»Ich suche nicht das Sensationelle. Ich will das ganz Gewöhnliche, die Poesie des Alltags, dokumentieren.« (Robert Doisneau)

Heute wird mehr denn je fotografiert. Durch Mobiltelefone mit integrierter Kamera wird die Straßenfotografie, das Einfangen eines zufälligen Augenblicks, für jeden möglich. Ihre Kulisse ist der öffentliche Raum, das Café, die Bar, die Straße. Der französische Fotograf Robert Doisneau (1912-94) war ein Meister dieses Genres. Hinter seinen Aufnahmen scheinen ganze Lebensläufe und Geschichten auf. Nun gibt der Martin-Gropius-Bau mit rund 100 Fotografien Einblick in sein Ouvre. Die Kuratorinnen Agnès Sire, Leiterin der Foundation Henri Cartier-Bresson, und Francine Deroudille, Mitbegründerin des Ateliers Robert Doisneau und Tochter des Fotografen, haben Werke abseits seiner Auftragsarbeiten für die großen französischen und amerikanischen Magazine ausgewählt. Diese Fotografien sind zwischen 1929 und 1967 entstanden, ihr Höhepunkt liegt in den 1940er- und 1950er-Jahren. Die Ausstellung ist eine zärtliche Milieustudie Alltags in Paris und seinen Banlieues.
Doisneau zählt zu den Pionieren des Bildjournalismus, zu den Humanisten und poetischen Realisten unter den Fotografen. Sein Thema ist das alltägliche Leben, das Zufällige, das Anrührende. Seine Stadt ist Paris mit seinen Arrondissements und Vororten.
Mitte der 1940er-Jahre arbeitet er für die Bildagentur Rapho. In seiner freien Zeit durchstreift er mit seiner Rolleiflex-Mittelformatkamera 6 Zentrum und Randgebiete der französischen Metropole. Es geht ihm um Spurensicherung. Er betreibt sie weniger systematisch als sein großes Vorbild Eugène Atget (1857-1927), der Straßenzug um Straßenzug mit einer sperrigen Großformatkamera katalogisierte. Doisneau geht es um die Atmosphäre selbst. Mit seiner Kamera dokumentiert er Häuserfronten, Innenräume, Quais und Bekenntnisse zum kleinen Glück: spielende Kinder am Place Hébert, ein in die Nacht hinein tanzendes Paar am französischen Nationalfeiertag, Hochzeitsgesellschaften in den einfachen Vorstadtvierteln, kleine Begegnungen in Varietés, einen zufälligen Augenblick in einer Bar oder ein flüchtiges Lächeln auf der Straße. »In einer Welt, in der die Massenmedien so viel Macht haben, könnte sich die Fotografie als das Medium erweisen, durch das wir einfache Gefühle wiederentdecken, die lange verschüttet waren«, sagte er einmal.
In den 1920er-Jahren nimmt die Nachfrage nach Illustrierten und Magazinen rapide zu. Die Verwandlung der sichtbaren Welt sollte ins Bild gebannt und reproduziert werden. Das Leben in der Millionenstadt Paris, Anziehungspunkt für Künstler aller Nationen, ist vielgesichtig - ein ideales Umfeld, um es in Momentaufnahmen festzuhalten. Künstler wie Henri Cartier-Bresson, Brassaï, André Kertész, Martin Munkácsi, Germaine Krull oder Robert Doisneau nutzen die technischen Errungenschaften einer Kamera mit kurzer Belichtungszeit und kultivieren die Fotografie des Augenblicks. Sie rücken den Menschen in den Mittelpunkt und machen parallel zum Trend - das zunehmende Eindringen des öffentlichen Lebens in die Privatsphäre - das Private, Intime und Persönliche visuell öffentlich. Auf den Moment zu zielen, setzt neue ästhetische Wertmaßstäbe voraus. Nicht mehr die Relegation des Bleibenden, sondern die Schönheit des Spontanen verschafft sich mehr und mehr Aufmerksamkeit.
Die Illustrierten erwarten von den beauftragten Fotografen eine
Momentaufnahme, die ein Ereignis sowohl umfassend als auch mit eigenen Eindrücken vermittelt. Doisneau, ein herausragender Handwerker und ebenso guter Beobachter, liefert. So kommt eines seiner bekanntesten Bilder zustande, »Le baiser de l'hôtel de ville«, jene Aufnahme eines sich leidenschaftlich küssenden Paares vor dem Pariser Rathaus, das die Welt um sich herum zu vergessen scheint. Die Fotografie entsteht im März 1950. Es ist eine Auftragsarbeit über die »Verliebten in Paris« der amerikanischen Zeitschrift »Life«. Obgleich Doisneau dabei dem Zufall auf die Sprünge geholfen hat, erzählt die Aufnahme die Geschichte eines der schönsten Augenblicke im Leben. Als Projektionsfläche für Verliebte sollte es gleichzeitig zum Sinnbild von Paris als Stadt der Liebe werden. Die damals im Magazin nur klein abgedruckte Fotografie wird 1986 als Poster aufgelegt und mehr als 500000 Mal verkauft. 2005 erlöst ein Originalabzug, der zwischen 15000 und 20000 Euro taxiert war, 155000 Euro. »Le baiser le l'hôtel de ville« machte seinen Urheber berühmt. Das Werk zählt heute zu den Ikonen der Fotografie.
Dennoch sind für Doisneau selbst die freien Arbeiten von weitaus größerer
Bedeutung. Auftragsarbeiten sind seine Pflicht und sorgen für den Broterwerb, wohingegen das Fotografieren zwischen Montrouge und Porte de Clignancourt seine Kür ist.
Die Aufnahmen zeigen Doisneaus Faszination für das Normale, Kleinbürgerliche und Melancholische, Zerbrechliche. Er vermag es wie nur wenige Fotografen, sich für einen Wimpernschlag mit den Porträtierten zu verbünden, und dennoch hält er Distanz. Zuerst, weil er sich in jungen Jahren nicht traut, den Protagonisten seiner Bilder nahezukommen, später, weil ihn gerade Aufnahmen mit viel Umraum am meisten berühren. Da gibt es das Bild der jungen Frau, Doisneau nennt sie Mademoiselle Anita, die trotz des Treibens, das in den Spiegeln sichtbar ist, im schulterfreien Abendkleid mit Perlenkette allein und in sich gekehrt in der Lederecke des Restaurants »La Boule Rouge« sitzt. Oder die Aufnahme des älteren Herrn, der im engen Gang des Varietés freudig mit der barbusigen Tänzerin ein paar Worte wechselt. Es sind die Poeten und Intellektuellen wie Robert Giraud, Jacques Prévert und Blaise Cendrars, die ihn in Bars und Varietés mitnehmen. Sie sind Gleichgesinnte und Freunde. 1947 erarbeitet Doisneau mit Prévert, Giraud und Michel Ragon das Buch »Les Parisiens tels qu'ils sont«, 1949 mit Blaise Cendrars »La Banlieue de Paris«.
Doisneau ist 1912 selbst in der Banlieue, in dem kleinen Ort Gentilly im Südwesten von Paris, geboren. 1928 schließt er sein Studium an der École Estienne in Paris mit einem Diplom für Lithografie und Gravur ab. 1931 arbeitet er zunächst als Assistent des Fotografen und Herausgebers der »Encyclopédie photographique de l'art« André Vigneau, von 1934 bis 1939 als Werkfotograf beim Automobilhersteller Renault. Er beendet dort seine Tätigkeit, um bei der renommierten Agentur Rapho als selbstständiger Bildjournalist zu arbeiten. Während des Zweiten Weltkriegs dokumentiert er den Alltag im besetzten und später befreiten Paris. In der Nachkriegszeit erhält er etliche Preise, darunter den Grand Prix National de la Photographie. Sein Werk wird international gezeigt - von New York (Museum of Modern Art) bis Tokio (Isetan Museum of Art). Sein Gesamtwerk umfasst 350000 Fotografien.
Doisneau wollte seine Arbeiten als Ermutigung zum Leben und als Plädoyer für die Menschlichkeit verstanden wissen - er ist ein Chronist des 20. Jahrhunderts, der mit seinem Werkschaffen auch heute aktuell ist.

Susanne Rockweiler
Robert Doisneau - Fotografien. Vom Handwerk zur Kunst, Martin-Gropius-Bau, 9. Dezember 2016 bis 5. März 2017
Aus MuseumsJournal 1/2017, Ausstellungen