4 | 2017 Oktober – Dezember

Uli Richter revisited. Modedenker, Lehrer, Inspiration

Der Berliner Modedesigner Uli Richter prägte zu Beginn der 1950er-Jahre einen Stil made in Berlin. Zu seinem 90. Geburtstag werden nun Richters Entwürfe und Kostüme präsentiert, mit denen er den Ruf Berlins als Modestadt wiederbelebte. Und Berliner Modedesigner zeigen, dass der klassische Richter-Stil auch heute noch aktuell ist.
 
Heinrich von der Becke, Uli Richter mit den Mannequins Gisela Ebel und Gitta Schilling anlässlich der Präsentation seiner ersten eigenen Kollektion, 1959. Fotografie.
© Bildarchiv Heinrich von der Becke im Sportmuseum Berlin
Mit der Wiedereröffnung des Kunstgewerbemuseums im November 2014 (MJ 4/2014) betrat eine weitere Sammlung die Museumsbühne: die der Mode. Berlin erhielt mit der Modegalerie eine ständige Ausstellung über 300 Jahre europäische Modegeschichte, vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Bereits 2005 wurde mit dem Erwerb des Archivs von Uli Richter, einem der führenden Berliner Modedesigner der Nachkriegszeit, die international ausgerichtete Sammlung um ein bedeutendes nationales Konvolut erweitert. Über 650 Modellkleider, Mäntel, Kostüme und Accessoires aus den Jahren 1949 bis 1989, 3000 Modefotografien desselben Zeitraums sowie 11000 Kollektionszeichnungen werden seitdem im Kunstgewerbemuseum und in der Kunstbibliothek, Sammlung Modebild – Lipperheidesche Kostümbibliothek bewahrt. Die Geschlossenheit der Sammlung ermöglicht einen fundierten Einblick in den Arbeitsprozess des Modehauses und belegt insbesondere die Internationalität Richters, indem sie seine engen Verbindungen zu den Modestädten Berlin und Paris aufzeigt. Aus Anlass des 90. Geburtstags von Uli Richter nimmt das Kunstgewerbemuseum nun die Besucher mit auf eine Reise durch annähernd 70 Jahre Modegeschichte.
Als jüngstem unter den Berliner Couturiers gelingt es Uli Richter in der Nachkriegszeit, den Ruf Berlins als internationales Modezentrum wiederzubeleben und zu festigen. Jung, elegant, mit klaren Schnitten und ungewöhnlichen Materialkombinationen treffen seine Kreationen den Nerv der Zeit und stehen international für einen Stil »made in Berlin«. Neben seinem ersten Modell »Marcelle«, das er 1949 als Volontär im Modellhaus Horn entwarf, steht seine Arbeit als Nachfolger von Heinz Oestergaard am Modellhaus Schröder & Eggeringhaus exemplarisch für die Entwicklung des eigenen Stils. Unter dem Motto »weniger ist mehr« entwirft Uli Richter als Chefstylist und Geschäftsführer sportliche Mode mit einer besonderen Eleganz. Ob bei winterlichen Mänteln oder sommerlichen Cocktailkleidern, der typische Richter-Stil zieht sich durch alle Kollektionen, die er für »S & E Modelle Uli Richter«, wie das Unternehmen nun heißt, entwirft. Mit der Eröffnung eines eigenen Salons am Kurfürstendamm 1959 entwickelt er diesen Stil zusammen mit seinem Designteam weiter. Harmonische Farbkombinationen, schnörkellose Schnitte und ein ungewöhnlicher Materialmix, wie beispielsweise die Kombination aus exquisitem Leder, zarter Seide und robustem Tweed, zeichnen bis in die 1980er-Jahre die Kunst des Hauses »uli richter« aus.
Nach der Schließung seines Unternehmens erhält Richter zum Wintersemester 1986/87 als erster Berliner Modedesigner eine Gastprofessur für Modedesign an der damaligen Hochschule der Künste Berlin. Neben der Leiterin des Fachbereichs Ellen Jordan lehren Gerd Hartung als Honorarprofessor im Fach Modegrafik und ab 1988 auch F.C. Gundlach als Professor im Fach Fotodesign. Ziel des damaligen, 10-semestrigen Studiengangs Industrial Design mit Schwerpunkt Bekleidungsdesign war es, Designer auszubilden, die kreativ und selbstständig zukunftsorientierte Kleidung entwickeln können. Dazu sollten sie in ihrem Studium eine künstlerische und wissenschaftliche Grundlage erhalten. Die Seminare waren in Projekte gegliedert, in denen eine Entwurfsaufgabe durch die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen, wie Wissenschaft, Methodik, Technologie und Kunst, gelöst werden sollte. Alle Institutsmitarbeiter sind dabei in die Projekte eingebunden. Gerd Hartung und Brigitta Steffani unterstützen die Studierenden bei der Erstellung von Entwurfszeichnungen. Stücke, die in den Projekten mit Uli Richter angefertigt werden, werden regelmäßig in Fotoprojekten mit F.C. Gundlach fotografisch festgehalten. Der Erfolg von Gundlachs Bemühungen, die Studierenden alle Stationen einer Fotoproduktion durchlaufen zu lassen und damit eine umfassende Ausbildung zu garantieren, zeigt sich in der hohen Qualität der entstandenen Fotografien. Uli Richter fungiert als Schnittstelle zwischen den Lehrfächern. Aus fachlicher Sicht sieht er seine Aufgabe darin, Haute Couture nicht bloß in der Theorie zu lehren. Durch Kooperationen mit Industrieunternehmen, Besuche in Moderedaktionen und Exkursionen zu den Haute-Couture-Schauen in Paris zeigt er großen Einsatz und bietet den Studierenden vielfältige Möglichkeiten, mit der Modeszene in Kontakt zu kommen. Die Ergebnisse dieser Projekte – Kleider, Entwurfszeichnungen und Fotografien – stellen einen Bezug zur jungen Berliner Modedesignszene der 1980er- und 1990er-Jahre her.
Wie modern und wegweisend ist der klassische Uli-Richter-Stil heute noch? Um dieser Frage nachzugehen, hat das Kunstgewerbemuseum neun Berliner Modedesigner und -designerinnen gebeten, sich von einem Uli-Richter-Modell aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums inspirieren zu lassen und es nach eigenen Maßgaben ins Heute zu übertragen. Die Inspiration sollte in einem Modell enden. Den Designern wurde dabei freigestellt, ob sie sich mit Entwurf, Kollektionsthema, einem Detail, Schnitt, Material oder Dessin eines Richter-Modells auseinandersetzen. Die Auswahl der Modeschaffenden basierte auf der Idee, den Besuchern einen möglichst breiten Überblick über das große gestalterische Potenzial der zeitgenössischen Berliner Modeszene zu bieten, und folgte einem Kriterium, das allen gemein ist: die bewusste Entscheidung für den Standort Berlin. Ausgewählt wurden Brachmann, William Fan, Firkant, Barre Noire, Sample-CM, Michael Sontag, Steinrohner, Nobi Talai und Philomena Zanetti.
Die Ansätze waren so vielfältig wie die Gestaltungsweisen der Designer selbst. Während sich die Designerin des Herrenlabels Brachmann nicht nur von Uli Richters Herrenmodellen, sondern vielmehr von einer Vielzahl seiner Damenmodelle aus allen Schaffensperioden inspirieren ließ, wählten die beiden Designerinnen von Steinrohner eines der bekanntesten Modelle von Uli Richter, um dessen Stickerei weiterzuentwickeln. Stand bei Uli Richter noch das fertige Modell im Vordergrund, experimentierten Steinrohner mit innovativen Herstellungsverfahren und verbanden diese mit traditionellen Stick- und Handarbeitstechniken. Das aus der Perlenstickerei entwickelte Stoffdessin verarbeiteten sie in einem Kleid und übertrugen damit auf ihre Weise den klassischen Uli-Richter-Stil in die heutige Zeit.
Mit diesem Ansatz nimmt das Kunstgewerbemuseum seine tradierte Aufgabe, Handwerker, Hersteller, Entwerfer und Kunstschaffende zu fördern und durch Sammlungsobjekte zu inspirieren, in dieser Ausstellung wieder auf.

Katrin Lindemann
Uli Richter revisited. Modedenker, Lehrer, Inspiration, Kunstgewerbemuseum, 2. Dezember 2016 bis 5. März 2017
Aus MuseumsJournal 1/2017, Ausstellungen