4 | 2017 Oktober – Dezember

Jeanne Mammen. Die Beobachterin. Retrospektive 1910-1975

Die Berlinische Galerie hat sich seit ihrer Gründung für die Malerin und Zeichnerin Jeanne Mammen (1890-1976) engagiert. Es war ihr erster Direktor Eberhard Roters, der 1975 den Kontakt zur Künstlerin aufnahm und wichtige Werke für das Museum sichern konnte. Seitdem umfasst die Sammlung 87 Werke, darunter zehn Gemälde sowie zahlreiche Zeichnungen, Grafiken und einige Skulpturen. Seit der letzten großen Ausstellung im Martin-­Gropius­-Bau sind 20 Jahre vergangen (mJ 4/1997), Grund genug für die Wiederbegegnung mit einer der sperrigsten Figuren der jüngeren deutschen Kunstgeschichte.
 
Jeanne Mammen. Meditation (Detail), um 1930. Aquarell und Bleistift auf Papier, 41 x 30,1 cm. Maximilian Baron von Koskull.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Maximilian Baron von Koskull.
Als Chronistin des Berliner Lebens der 1920er­-Jahre ist Jeanne Mammen auch über Berlin hin­aus bekannt. Mit ihren Aquarellen und Zeichnungen hat sie einen unverwechselbaren Beitrag zur Großstadtkunst jener schillernden und von großen sozialen Gegensätzen geprägten De­kade geleistet. Doch Jeanne Mammen hat viel mehr hinterlassen: ein 70 Jahre umfassendes, stilistisch höchst heterogenes malerisches und zeichnerisches Werk, dessen Brüche die politischen und künstlerischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts vor Augen führen.
Leben und Werk Jeanne Mammens werden durch drei extreme Einschnitte bestimmt, für die die Jahreszahlen 1914, 1933 und 1945 stehen. Der Erste Weltkrieg beendet die »sorglose Kindheit und Jugend in Paris« und vertreibt die junge deutsche Künstlerin mitsamt ihrer Familie aus Frankreich. Der Neuanfang 1916 in Berlin ist bitter: zu fremd die Geburtsstadt, und wovon soll man nun leben? Jeanne Mammen meistert diese Herausforderung, macht sich im Lauf der 1920er-Jahre einen Namen als Zeichnerin und Illustratorin. Noch heute verbinden wir mit ihrem Namen zuallererst ihre Aquarelle und Zeichnungen aus dieser Dekade, die in Magazinen und Zeitschriften wie »Simplicissimus«, »Jugend«, »Ulk«, »Uhu« und »Querschnitt« ihr Publikum finden und auch einen Kurt Tucholsky begeistern. Der spröde Charme ihrer Gesellschaftsszenen vermittelt uns den Abglanz jener Epoche zwischen hektischer Vergnügungswelt und sozialem Elend.
Das Jahr 1933 markiert für Jeanne Mammen eine Existenz bedrohende Zäsur. Die kritische Zeichnerin, deren Arbeiten unter der Diktatur nicht mehr gefragt sind, zieht sich zurück in ihr kleines Wohnatelier am Ku'damm und überlässt sich den Einflüssen der verfemten Moderne: »Ende meiner >realistischen< Periode, Übergang zu einer den Gegenstand aufbrechenden aggressi­ven Malweise (als Kontrast zum offiziellen Kunstbetrieb).« In Auseinandersetzung mit dem Kubismus und Picassos Wandgemälde »Guernica« praktiziert Jeanne Mammen eine Malerei, die man schlicht als Widerstandskunst bezeichnen muss. Dazu remigriert die Künstlerin in den Kulturkreis ihrer Kindheit und Jugend, in die franzö­sische Sprache. Die heimlich kubistisch experimentierende Malerin beschäftigt sich intensiv mit französischer Dichtung und überträgt Arthur Rimbauds »Une saison en enfer« (Eine Jahreszeit in der Hölle) ins Deutsche; später folgen Rimbauds »Illuminations« (Illuminationen), die sie 1967 veröffentlicht.
Die Kraft und Wahrhaftigkeit der Literatur, von der sich Jeanne Mammen in dieser schweren Zeit nährt, sind in einer Ausstellung kaum zu dokumentieren. Wir haben jedoch einen Fokus unserer Schau auf den Werk­ und Lebensabschnitt der 1930er­- und 1940er- Jahre gelegt, der noch immer im Schatten des weit bekannteren aus der vorausgehenden Dekade steht. Es ist kaum zu glauben, dass Gemälde wie »Würgeengel« oder »Mackensen« im Zentrum der Diktatur entstanden sind. Jeanne Mammen praktiziert eine in der deutschen Kunst einzigartige und eigenwillige »art engagé«.
Darüber hinaus wagten wir ein Experiment und baten junge Künstlerinnen und Künstler, einen um 1937 entstandenen Text der Malerin, das Drehbuch zu dem nie realisierten Film »Schreib mir, Emmy!«, zu illustrieren. Mammen entwirft darin die abenteuerliche Reise einer Postkarte aus Übersee nach Berlin, wo Max sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen seiner fernen Freundin wartet. Die Künstlerin verarbeitet in dem Skript eigenes Erleben. Ihre als dramatisch empfundene Isolation will sich Luft machen - in einem Text voll von alptraumhaften, grotesken und sur­realistischen Szenen und Einfällen. Der junge Berliner Zeichner Manuel Kirsch entwarf dazu ein Storyboard, Studierende der Hochschule für Künste Bremen einen animierten Film.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Mammens malerische Entwicklung in Richtung Abstraktion unumkehrbar. Sie experimentiert weiter - integriert weggeworfenen Draht und Kordeln von Carepaketen in ihre Bilder. Anfangs arbeitet sie wieder für Zeitschriften, vor allem für den satirischen »Ulenspiegel« sowie die Literaturzeitschrift »Athena«. Ihre Liebe zur Bühne kann die Künstlerin 1949/50 mit Bühnenbildern für das existenzialistische Kabarett in der Badewanne in der Nürnberger Straße realisieren. Während der 1950er­-Jahre, als die abstrakte Malerei ihren Siegeszug in Deutschland antritt und in der Sektorenstadt Berlin der Kampf der west-östlichen Kunstideologien tobt, verblasst Mammens Malerei im wahrsten Sinne des Wortes: Fi­guren, nur noch zarte Gespinnste, verschwinden im opaken, weiß aufgehellten Farbgrund. Nach der Aufbruchsphase der unmittelbaren Nachkriegszeit zieht sich die Malerin nun zum zweiten Mal aus dem Kunstleben zurück. In ihrer Malerei beschäftigt sie sich fortan mit Magie und Zauber außereuropäischer Kulturen, Masken, Fetischen und Totenkulten, mit Folklore und Trivialkunst, Marionettentheater, Märchen und Mythen.
Mit diesem zwischen 1965 und 1975 entstandenen Spätwerk setzt die Ausstellung einen fulminanten Schlusspunkt und präsentiert ausführlich sowohl die Glanzpapiercollagen mit ihrem exotischen Figurenpersonal als auch die asketischen Chiffrenbilder mit ihrer geheimnisvollen mystischen Zeichensprache. Fülle und Leere, Lärm und Stille: Indem die Malerin im Alter die Summe aus ihren verschiedenen Formexperimenten zieht, leistet sie sich in dieser kraftvollen letz­ten Phase ihrer Kunst die Freiheit eines höchst eigenen Stilpluralismus.
Ausstellung und Katalog würdigen Jeanne Mammen als eine facettenreiche Künstlerpersönlichkeit, die zugleich Illustratorin, Zeichnerin, Malerin, Leserin, Übersetzerin, Intellektuelle war, die sich nicht auf bestimmte Epochen wie etwa Neue Sachlichkeit festlegen lässt und deren frühe Prägung durch die französische Kunst und Literatur des 19. Jahrhunderts sich noch im Spätwerk niederschlägt.

Annelie Lütgens
Jeanne Mammen. Die Beobachterin. Retrospektive 1910-1975, Berlinische Galerie, 6. Oktober 2017 bis 15. Januar 2018
Aus MuseumsJournal 4/2017, Ausstellungen