4 | 2017 Oktober – Dezember

Wenzel Hablik. Expressionistische Utopien

Utopische Architekturentwürfe, expressionistisches Interieur, fantastische Farbwelten - all das ist nur ein Teil des Werkes von Wenzel Hablik (1881-1934), der sich als Universalkünstler dem Gesamtkunstwerk verschrieb. Beeinflusst durch die Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule und der Kunstakademie in Prag lässt sich Habliks Entwicklung vom Jugendstil über den Expressionismus und die farbbegeisterten frühen 1920er-­Jahre bis hin zur Neuen Sachlichkeit nachvollziehen. Seine Werke zeichnen sich durch eine bis heute zeitgemäße Formensprache aus.
 
Wenzel Hablik, Freitragende Kuppel mit fünf Bergspitzen als Basis (Detail), 1918/1923/24. Öl auf Leinwand, 166 x 191 cm.
© Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe
»Muss ich schon an der Erde kleben -
dann wenigstens nicht mit dem Hirn.«
Wenzel Hablik


Hablik gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschen expressionistischen Architektur­ und Gestaltungsavantgarde. Scheinen die Wege der Kunst der Moderne weitgehend erforscht, so bietet sein Werk immer noch Überraschendes. Ihm widmet der Martin­Gropius­Bau in enger Zusammenarbeit mit dem Wenzel-­Hablik-­Museum in Itzehoe die erste umfassende monografische Ausstellung in Berlin. Im Fokus stehen Habliks Architekturvisionen und eine Rekonstruktion seines 1923 farbig gestalteten, meisterhaften Raumkonzepts. Sie werden durch Malerei und Design ergänzt. Erst in dieser Kombination wird der Grundgedanke des Gesamtkunstwerkes, wie Hablik ihn verfolgte, nachvollziehbar.
1881 im böhmischen Brüx, dem heutigen Most in Tschechien, geboren, erlernt Hablik während der Schulzeit das Tischlerhandwerk in der väter­lichen Werkstatt. In dieser Zeit bildet sich allerdings nicht nur sein grundlegendes Verständnis für handwerkliche Arbeiten aus, er legt bereits den Grundstein für eine Kristall­ und Naturaliensammlung, die sein künstlerisches Schaffen zeitlebens begleitet. Ab 1902, mit Beginn seines Studiums der Malerei an der Wiener Kunstgewerbeschule, zeichnet er Gruppen von Kristallen, die sich in seiner Fantasie zu Märchenschlössern auf steilen Berghängen ausformen. Diese »Kristallbauten«, wie er sie nennt, gehören zu den frühesten bekannten Manifestationen kristalliner Architektur in der europäischen Kunstgeschichte. Sie markieren den Anfang von Habliks späteren utopischen Architekturentwürfen.
Ab 1907 kann sich Hablik im schleswig­holsteinischen Itzehoe durch die Unterstützung von Mäzenen intensiv seinem künstlerischen Schaffen widmen. Die Natur bleibt auch hier die bedeutendste Inspirationsquelle für sein Schaffen. Beeindruckt von der Urgewalt des Meeres und der Elemente, setzt er diese Themen in den unterschiedlichsten Techniken um. Seine böhmische Heimat mit ihrer Gebirgswelt sowie die Küsten­ und Heidelandschaften Norddeutschlands werden wiederholt zum Gegenstand sei­ner Malerei. Imposante Ansichten des Meeres entstehen. Daneben gehören Porträts und Stillleben zu seinem Ouvre. Der Idee folgend, dass künstlerische Qualität für die Ausgestaltung aller Lebensbereiche Geltung besitzt, entwirft Hablik zudem extravagante Räume für zahlreiche öffentliche und private Interieurs in Norddeutschland.
Mit Berlin ist Hablik in besonderem Maße verbunden: Hier beteiligt er sich 1908 und 1909 an Ausstellungen der Berliner Secession und präsentiert 1912 in der Galerie »Der Sturm« von Herwarth Walden seinen ersten druckgrafischen Zyklus »Schaffende Kräfte« neben Werken von Picasso, Kandinsky, Kokoschka und Gauguin. 1919 nimmt er auf Einladung von Walter Gropius an der »Ausstellung für unbekannte Architekten« des Arbeitsrates für Kunst teil und wird kurz darauf dessen Mitglied. Auch dem Deutschen Werkbund tritt er bei. Als Teil der Briefgemeinschaft »Gläserne Kette« steht Hablik mit Walter Gropius, Bruno Taut sowie weiteren Architekten und Malern in regem Austausch über utopische Architekturideen.
Wie viele seiner expressionistischen Zeitgenossen verehrt Hablik die Natur als höchste schöpferische Kraft und sieht im Kristall das bedeutendste Symbol der Naturschöpfung. Die Kristallarchitektur ist für sie eine Gesellschaftsutopie auf dem Weg in eine bessere Lebenswelt. Von Schriftstellern wie H. G. Wells, Paul Scheerbart, Kurd Laßwitz und Jules Verne inspiriert, erhalten Habliks Architekturentwürfe zunehmend eine technische Komponente. Mithilfe moderner Technik soll die Realität überwunden und die Gesellschaft verändert werden. Verbunden damit erscheint auch die Reise ins Weltall möglich - ein Thema, dem Hablik sich in großformatigen Ölbildern zuwendet. Die Beschäftigung damit beeinflusst auch seine Formensprache bei der Gestaltung von kunsthandwerklichen Arbeiten. Aus Messing und Silberblech gefaltete sternförmige oder prismatische Dosen erinnern an utopische Bauten: Sie werden zu Kleinarchitekturen oder Himmelskörpern. Hablik leistet als Gesamtkünstler in fast allen Bereichen der angewandten Kunst - vom Entwurf von Webmustern, Möbeln und Tapeten, über Schmuckdesign, Lampenentwürfe, Metallarbeiten bis hin zum Besteckdesign - einen grundlegenden Beitrag zur Moderne. Die größte Gestaltungsfreiheit bietet sich dem Künstler schließlich in seinem eigenen Wohn­ und Atelierhaus. 1923 verwandelt er die Wand­ und Deckenfläche des saalartigen Esszimmers in eine geometrisch komponierte Raumschale. Alle Bereiche werden zu einer einzigen Malfläche verbunden, auf der mit seidenmatter Ölfarbe streng dem rechten Winkel folgend eine bunte Farbkomposition entsteht. Einander überkreuzende Farbbänder durchziehen den kompletten Raum. Selbst die Fensterrahmen und ein Türblatt werden farbig gefasst, um ein möglichst geschlossenes Raumbild zu erzielen. Seit 1933 unter Tapeten verborgen, wurde Habliks wichtigste raumbezogene Arbeit in dem heute in Privatbesitz befindlichen Haus 80 Jahre später freigelegt, sie ist in sehr gutem Zustand erhalten geblieben. In Berlin wird sie durch eine Rekonstruktion erstmals einem größeren Publikum zugänglich gemacht.
Auf knapp 1000 qm Ausstellungsfläche wird in elf Räumen die Entwicklung und die Vielfältigkeit des Hablik'schen Werks dargelegt - beginnend mit den ersten Kristallbauten aus Studienzeiten über die reiche Schaffensphase seit seiner Ansiedelung in Norddeutschland. Gezeigt werden knapp 50 Ölgemälde, 90 Zeichnungen, 60 Druckgrafiken sowie rund 40 Designobjekte, zahlreiche schriftliche Dokumente und Fotografien. Neben Porträts, Landschafts­ und Meeresdarstellungen liegt das Hauptaugenmerk auf Habliks utopischem Architekturkonzept.
Anschließend vermitteln Entwürfe sowie historische Aufnahmen einen Eindruck der von Hablik gestalteten Innenräume. Vervollständigt wird sein Gesamtkunstwerk durch eine Auswahl an kunsthandwerklichen Arbeiten wie Möbel, Metallobjekte und Stoffe. Den Abschluss bilden zwei der großformatigen Ölgemälde von Wenzel Hablik, die erstmals zusammen präsentiert werden: »Das Große Meerbild« mit vier Metern Breite und »Sternenhimmel«.

Katrin Maibaum
Wenzel Hablik. Expressionistische Utopien, Martin-Gropius-Bau, 2. September 2017 bis 14. Januar 2018
Aus MuseumsJournal 4/2017, Ausstellungen