4 | 2017 Oktober – Dezember

Brecht und Benjamin. Denken in Extremen

Die Namen Benjamin und Brecht sind heute Chiffren, Modelle für eine bestimmte Kunst- und Weltbetrachtung. Dabei waren die beiden Männer trotz aller Nähe höcht unterschiedlich geprägt, ihre Bezeihung spiegelt das Jahrhundert der Extreme. Die Akademie der Künste zeichnet die Aktualität ihrer Begegnung, das historisch Dokumentierbare, das Echo von Freunden und die Rezeptiom im Denken und in der Kunst nach.
 
Unbekannter Fotograf, Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen Schach, Skovsbostrand/Dänemark, 1934. Akademie der Künste Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv.
Walter Benjamin (1892-1940) und Bertolt Brecht (1898-1956) waren höchst unterschiedlich geprägt und doch verbunden in einer »zähen literarischen Freundschaft« (Elisabeth Hauptmann). Es war eine besondere Konstellation: Kritiker und Dichter, Kommentator und Autor, Kunsttheoretiker und Regisseur, Wissenschaftler und Künstler, Metaphysiker und Rationalist. In ihren Konflikten wie im Produktiven, in der erstaunlichen Fähigkeit, Widersprüchliches gelten lassen zu können, in ihrem Zusammenklang wie im Verstörenden spiegelt die Beziehung das Jahrhundert der Extreme. Vieles, was sie umgetrieben hat, wirkt heute bestürzend aktuell: Was ist radikale Kunst? Gibt es Standards für Kunst? Wie begegnet man einer gesellschaftlichen Krise? Was wird überliefert? Wer schreibt Geschichte?
Die Ausstellung zeigt die Aktualität der Begegnung, das historisch Dokumentierbare, das Echo von Freunden und Feinden und die Rezeption im Denken und in der Kunst. Sie geht aus von der persönlichen Nähe, und sie reagiert auf den Umstand, dass die Namen Benjamin und Brecht Chiffren geworden sind, Modelle für die Kunst und für die Weltbetrachtung. Sie stehen für thematische Zusammenhänge: Techniken künstlerischen Arbeitens (Theater, Literatur, Radio, Film), Kunst und Politik, die Literarisierung der Wirklichkeit, eingreifendes Denken, die Rolle von Künstlern und Intellektuellen, Original und Reproduktion, Revolution und Gewalt, Fortschritt und Katastrophe, Flucht und Exil, Archiv und Nachleben.
Eröffnet wird die Ausstellung von einem Tableau der Freundschaft. Es werden Stimmen von Zeitgenossen aufgerufen: Gretel und Theodor W. Adorno, Günther Anders, Hannah Arendt, Ruth Berlau, Ernst Bloch, Elisabeth Hauptmann, Asja Lacis, Siegfried Kracauer, Gershom Scholem. Im Zentrum stehen 16 Schlüsseldokumente: Objekte wie Brechts Schachbrett oder die Laotse­-Figur aus seiner Wohnung, Fotografien, Handschriften, Typoskripte, (gewidmete) Druckschriften. Die von Brecht zerlesene Erstausgabe des Romans »Der Prozess« erinnert an teils heftige Auseinandersetzungen über Kafka. Ein an den mythischen Philosophen Laotse gemahnender daoistischer Reiter ruft Brechts »Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration« in Erinnerung, in der ein Satz »den Menschen als eine Verheißung ans Ohr schlägt, die keiner messianischen etwas nachgibt«: »Du verstehst, das Harte unterliegt.«
Einiges war noch nie zuvor öffentlich zu sehen, etwa Dokumente aus dem Nachlass des Theaterkritikers Bernhard Diebold, ein Sensationsfund, den das Archiv der Akademie der Künste erwerben konnte.
Zu den Originalen, die jeweils für ein Thema stehen, treten weitere Materialien, auch audio­visuelle. Die historischen Dokumente werden aus heutiger Sicht kommentiert. Künstlerische Arbeiten, Fortschreibungen, intellektuelle Positionen, Widersprüche erfassen das Gegenwärtige, indem sie fremd auf vermeintlich Bekanntes blicken. Es geht nicht um die Feier einer für das 20. Jahrhundert bedeutsamen Beziehung, sondern um die Erforschung ihrer Möglichkeiten, die Entdeckung von Spuren und Abgründen, um das Vorzeigen des Jähen, Ungeschliffenen, Unverständlichen, aber auch der plötzlichen Übereinstimmung; auch des Ironischen im Sinne von Brechts Motto: »Ganz ernst ist es mir nicht.«
Insgesamt mag die Kommunikation der berühmten Svendborger Schachpartner an das königliche Spiel erinnern: Ermattungstaktik, Überraschungsangriff, Rückzug, strategische Partnerschaft, Matt - und neue Partie. Der Untertitel
»Denken in Extremen« zitiert eine Haltung Benjamins, der in Debatten häufig Positionen einnahm, die seinen Intentionen entgegengesetzt waren, und sich damit ungeahnte Freiheiten erwarb. Das ist Brechts Vorgehen durchaus ähnlich. In der Ausstellung selbst wird das aufgerufen, indem Benjamin und Brecht im - protokollierten oder konstruierten - Dialog gezeigt werden.

BRECHT: »Was lesen Sie?«
BENJAMIN: »>Das Kapital<.«
BRECHT: »Ich finde das sehr gut, dass Sie jetzt Marx studieren - wo man immer weniger auf ihn stößt, und besonders wenig bei unsern Leuten. Ich befasse mich mit der Literaturpolitik der Moskauer Emigranten und überlege, was ich Lukács, Gabor, Kurella und anderen erwidern kann.«
BENJAMIN: »Mit diesen Leuten ist eben kein Staat zu machen.«
BRECHT: »Oder nur ein Staat, aber kein Gemeinwesen. Es sind eben Feinde der Produktion. Die Produktion ist ihnen nicht geheuer. Man kann ihr nicht trauen. Sie ist das Unvorhersehbare. Man weiß nie, was bei ihr herauskommt. Und sie selber wollen nicht produzieren. Sie wollen den Apparatschik spielen und die Kontrolle der andern haben. Jede ihrer Kritiken enthält eine Drohung.«
Etwas später:
BENJAMIN: »Kennen Sie Goethes Romane?«
BRECHT: »Nur die >Wahlverwandtschaften<. Ich bewundere darin die Eleganz des jungen Mannes.«
BENJAMIN: »Goethe war sechzig, als er das Buch schrieb.«
BRECHT: »Das erstaunt mich. Das Buch hat überhaupt nichts Spießbürgerliches. Das ist eine ungeheure Leistung. Das deutsche Drama trägt bis in die bedeutendsten Werke hinein Spuren des Spießbürgertums.«
BENJAMIN: »Deshalb ist die Aufnahme der >Wahlverwandtschaften< auch so miserabel gewesen.«
BRECHT: »Das freut mich. - Die Deutschen sind ein Scheißvolk. Es ist nicht wahr, dass man von Hitler keine Schlüsse auf die Deutschen ziehen darf. Auch an mir ist alles schlecht, was deutsch ist. Das Unerträgliche an den Deutschen ist ihre bornierte Selbständigkeit. So etwas wie die freien Reichsstädte, z. B. diese Scheißstadt Augsburg, gab es nirgends. Lyon war nie eine freie Stadt; die selbständigen Städte der Renaissance waren Stadtstaaten. - Lukács ist ein Wahldeutscher. Bei dem ist die Pußta bis auf den letzten Rest verschwunden.«
(Nach Benjamins Tagebuchaufzeichnungen aus Svendborg, Sommer 1938)

Erdmut Wizisla
Brecht und Benjamin. Denken in Extremen, Akademie der Künste, 26. Oktober 2017 bis 28 Januar 2018
Aus MuseumsJournal 4/2017, Ausstellungen