3 | 2017 Juli – September

Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt

Die Reformation war ein europäisches Ereignis, das mit der europäischen Expansion weltweite Wirkkraft erlangte. Das Deutsche Historische Museum nimmt anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums mit der Ausstellung »Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt« im Martin-Gropius-Bau die internationale Vielfalt des Protestantismus in den Blick und lädt zu einer Weltzeitreise ein, die durch fünf Jahrhunderte und über vier Kontinente führt.
 
Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625/50. Öl auf Holz, 86,5 x 108,3 cm. Stiftung Deutsches Historisches Museum
Foto: Deutsches Historisches Museum
Welche Spuren hinterließ der Protestantismus im Kontakt mit anderen Konfessionen und Religionen? Wie veränderte er sich durch diese Begegnungen - und nicht zuletzt: Wie haben sich Menschen unterschiedlichster Kulturen die evangelische Lehre angeeignet, sie geformt und gelebt? Ausgehend von den Reformationen im 16. Jahrhundert zeichnet die Ausstellung eine weltumspannende Geschichte von Wirkung und Wechselwirkung, die exemplarisch an Schweden, den USA, Korea und Tansania dargestellt wird. Unter den rund 500 Exponaten nationaler und internationaler Leihgeber befinden sich herausragende Kunstwerke ebenso wie aussagekräftige Alltagsgegenstände. Viele dieser Werke sind erstmals in Deutschland zu sehen. Die Ausstellung ist eine von drei nationalen Sonderausstellungen, die die Höhepunkte des großen Ausstellungsreigens zum Reformationsjubiläum 2017 markieren. Zusammen bieten sie einen umfassenden Überblick über entscheidende Aspekte der Reformation: Die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt zeigt »Luther! 95 Schätze - 95 Menschen« im Augusteum in der Lutherstadt Wittenberg, die Wartburg-Stiftung in Eisenach widmet sich dem Thema »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg.

Reformationen

Im 16. Jahrhundert entwickelten sich verschiedene Reformwege, die zu einer Erneuerung von Kirche und Leben führten. Einen davon stellte die Reformation Martin Luthers dar. Global betrachtet wurden andere Reformwege, zum Beispiel jene der reformierten Kirche aus der Eidgenossenschaft oder der anglikanischen Kirche in England, einflussreicher. Auch die katholische Kirche durchlief einen Reformprozess. Unter dem Einfluss der Reformationen erfuhr Europa grundlegende Veränderungen. Sicher Geglaubtes und jahrhundertelang Geübtes wurden infrage gestellt. Zugleich läutete die Ausbreitung der Reformationen ein Zeitalter der Glaubenskriege ein, das bis ins 17. Jahrhundert andauerte. Das Konfliktpotenzial blieb noch weit darüber hinaus bestehen.

Ein Land, ein Glaube - die lutherische Großmacht Schweden

Beeinflusst von der lutherischen Reformation setzte der schwedische König Gustav Wasa 1527 die Trennung seiner Landeskirche von Rom durch. Dies förderte die Verbreitung verschiedener reformatorischer Ideen im schwedischen Reich. Erst 1593 legten die Synode und der Reichstag von Uppsala das lutherische Bekenntnis als verpflichtend fest. In der Folge entwickelten sich in Schweden eine lutherische Staatskirche und ein konfessionell einheitlicher Staat. Mit der Staatskirche bildete sich eine neue religiöse Kultur heraus. Es entstand eine Gemeinschaft, die sich als Schutzmacht des Luthertums sah: Auf den Schlachtfeldern Europas kämpften die schwedischen Herrscher und ihre Heere für die Großmachtstellung Schwedens und für das Luthertum. Die militärischen Erfolge der schwedischen Armee wurden als Glaubenstriumphe gefeiert, der König und Feldherr Gustav II. Adolf und später Karl XII. als rettende »Löwen aus Mitternacht« (dem hohen Norden) glorifiziert.
Im Innern handelte die Staatskirche zunehmend restriktiv, die Kirche wurde zentralisiert. Zu den seelsorgerischen Aufgaben der Pfarrer kamen administrative und juristische Funktionen. Zugleich breitete sich in Schweden die Reformbewegung des Pietismus aus. Die Pietisten betonten die persönliche, unmittelbare Gotteserfahrung und veranstalteten private religiöse Zusammenkünfte. Sie machten sich stark für die Beseitigung gesellschaftlicher Unterschiede und verliehen Frauen kirchliche Laienfunktionen. Die Staatskirche versuchte, die Bewegung zurückzudrängen, mit katechetischen Hausverhören und Visitationen überwachte sie die Rechtgläubigkeit der Untertanen. Wer vom Kirchengesetz abwich, wurde bestraft. Die restriktive Religionspolitik sowie wirtschaftliche Interessen beförderten die Missionierung des im Norden lebenden indigenen Volks der Sámi. Ihre Integration in die Staatskirche erfolgte unter Zwang. Die Lebensweise der Sámi wurde unterdrückt und ihre Weltanschauungen und Glaubenspraktiken als heidnisch verurteilt.

Die Vereinigten Staaten von Amerika - das Gelobte Land?

Die britischen Kolonien in Nordamerika boten Raum, religiöse Utopien unterschiedlichster Art umzusetzen. Der Quäker William Penn wagte mit seiner Gründung 1681 ein »Holy Experiment«. Er wollte einen Zufluchtsort für verfolgte Glaubensbrüder und -schwestern aus Europa schaffen. Anders als in den Kolonien, in denen die Puritaner und Anglikaner den Ton angaben, sollte in Pennsylvania religiöse Toleranz gelten. Neben englischen, walisischen und schottischen Quäkern, Anglikanern und Presbyterianern wanderten viele Protestanten aus dem deutschen Sprachgebiet ein. Dem »Holy Experiment« war keine Dauer beschieden, doch die späteren USA folgten langfristig dem Beispiel Pennsylvanias: 1791 wurde auf Bundesebene die Errichtung einer Staatskirche verboten, und das Prinzip der religiösen Toleranz und Gewissensfreiheit setzte sich durch.
Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte der Protestantismus in den USA sein eigenes Profil. Unter europäischem Einfluss entstand eine Welle religiöser Erneuerung, das erste »Great Awakening« genannt. Charismatische Prediger reisten durchs Land und versuchten, die Menschen in emotionalen Massenveranstaltungen aufzurütteln und sie zu einer erneuten und innigen Hinwendung zum Glauben zu bewegen. Das persönliche Bekehrungserlebnis und die unmittelbare Gotteserfahrung standen dabei im Mittelpunkt.
In ihrer Haltung gegenüber der Sklaverei blieben die Protestanten lange Zeit gespalten. Von den Erweckungsbewegungen beeinflusste protestantische Gruppen kämpften mit Eifer dagegen. Zeitgleich beförderten sie die Missionierung der Afroamerikaner. Diese bezogen das Christentum auf ihre besondere Situation, ihr Dasein als Verschleppte und Versklavte. Zudem verbanden sie den christlichen Glauben mit kulturellen Elementen ihrer afrikanischen Heimat. So schufen sie eigenständige »Schwarze Kirchen«
In die gleiche Zeit fällt die Eroberung des Westens. Viele Amerikaner sahen darin einen göttlichen Auftrag für die Vereinigten Staaten - das »Gelobte Land«.

Boomland des Protestantismus - Korea

Fast 30 Prozent der Südkoreaner bezeichnen sich als Christen, etwas weniger als zwei Drittel davon sind Protestanten. Südkorea ist damit das einzige ostasiatische Land mit einem großen protestantischen Bevölkerungsanteil.
Koreanische Laien übersetzten im späten 19. Jahrhundert gemeinsam mit schottischen Missionaren in der Mandschurei (China) die Evangelien ins Koreanische. Bei ihrer Rückkehr nach Korea verbreiteten sie die Drucke und gründeten Anfang der 1880er-Jahre die ersten protestantischen Gemeinschaften. Wenig später kamen nordamerikanische Missionare ins Land, das sich in einem politischen und gesellschaftlichen Umbruch befand. Die Missionare gründeten Gesundheitseinrichtungen und Schulen nach westlichem Vorbild und ermöglichten auch Frauen den Zugang zu Bildung und Ausbildung. Andere Glaubens- und Wertvorstellungen wurden zurückgedrängt.
1945 wurde Korea in Nord und Süd geteilt, 1948 erfolgte die Gründung zweier koreanischer Staaten: der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) und der Republik Korea (Südkorea). Der Koreakrieg zementierte diese Teilung und hinterließ tiefe Wunden in beiden Landesteilen, die sich immer mehr voneinander abschotteten. In Südkorea galt der Protestantismus als Bekenntnis zur westlichen Welt und damit als Stütze des dortigen Militärregimes. Parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes verzeichnete der Protestantismus einen rasanten Zuwachs. 1950 waren drei Prozent der Südkoreaner Protestanten, 1995 bereits rund 20 Prozent. Kennzeichnend für den Protestantismus in Südkorea ist seine starke Zersplitterung sowie das Phänomen der Megakirchen mit Zehntausenden von Mitgliedern.
Die Sicht auf die Nachbarn im Norden und eine mögliche Wiedervereinigung scheidet die unterschiedlichen protestantischen Kirchen: Die einen stehen Nordkorea unversöhnlich gegenüber, andere setzen auf Annäherung und suchen den Dialog mit nordkoreanischen Christen. Sie blicken mit besonderem Interesse auf die deutsche Wiedervereinigung.

Mission und Selbstbestimmung - Tansania

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründeten protestantische Missionare aus Europa und Nordamerika zahlreiche Stationen in Tanganjika, dem Festland des heutigen Tansanias. Mit der Errichtung der Kolonie Deutsch-Ostafrika 1891 wurden deutsche Lutheraner und die Herrnhuter Brüdergemeinde auf dem Gebiet tätig. Die Mission beruhte auf einem Zusammenspiel von Christianisierungsbestrebungen sowie politischen und wirtschaftlichen Interessen. Die Missionare übersetzten die Bibel in lokale Sprachen, errichteten Kirchen und gründeten Krankenstationen und Schulen. Oft handelten sie im Einklang mit den Interessen der deutschen Kolonialmacht. Überzeugt von der Überlegenheit des eigenen Glaubens, trugen sie dazu bei, ganze Gesellschaften zu verändern.
1961 erlangte Tanganjika die Unabhängigkeit, 1964 schloss es sich mit Sansibar zur Vereinigten Republik Tansania zusammen. Präsident Julius Nyerere führte unter den Schlagworten »ujamaa« (Dorfgemeinschaft, Familie) und »Self-Reliance« (Selbstbestimmung) einen afrikanischen Sozialismus ein. Die protestantischen Kirchen stützten diesen Kurs und beteiligten sich am Aufbau des Landes. Um gegenüber der Staatsführung selbstbewusst auftreten zu können, organisierten sie sich neu. Das Verhältnis zu den europäischen Mutterkirchen, jetzt Partnerkirchen, wurde neu ausgelotet, ebenso das zu den anderen tansanischen Kirchen wie zum Islam.
Migration und das überwiegend friedliche Zusammenleben von über 140 Bevölkerungsgruppen und verschiedenen Glaubenskulturen prägen Tansania heute. Eine wichtige Position nimmt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania (ELCT) ein. Sie ist mit über sechs Millionen Mitgliedern die größte lutherische Kirche Afrikas und die zweitgrößte der Welt. Der Protestantismus in Tansania ist äußerst vital. Der Glaube bestimmt das Leben und greift weit in den Alltag hinein. Deutlich spürbar ist der Einfluss evangelikaler Strömungen. Charismatische Predigten und »Faith Healing« (Heilungsrituale) spielen eine große Rolle. Die Kirche ist in Bewegung; auch der Einfluss von Frauen nimmt zu.

Anne-Katrin Ziesak
Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt, Martin-Gropius-Bau, 12. April bis 5. November 2017
Aus MuseumsJournal 2/2017, 500 Jahre Reformation