2 | 2017 April – Juni

Maria Sybilla Merian und die Tradition des Blumenbildes

Maria Sybilla Merian war eine der bedeutendsten Künstlerinnen und Naturforscherinnen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Aus Anlass ihres 300. Todesjahres präsentieren das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und das Städel Museum in Frankfurt am Main eine umfassende Ausstellung mit naturgeschichtlichen Insekten-, Blumen- und Pflanzendarstellungen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert.
 
Maria Sybilla Merian, Blumenstillleben in einer chinesischen Vase (Ausschnitt), um 1675-80. Deckfarbenmalereien auf Pergament, 26,7 x 18,7 cm. Kupferstichkabinett.
© bpk/Kupferstichkabinett SMB. Foto: Dietmar Katz
Von ihrem Stiefvater Jacob Marrel wurde die in Frankfurt am Main geborene Maria Sibylla Merian zunächst zur Blumenmalerin ausgebildet. Bereits von einem frühen Alter an hegte sie eine starke Faszination für die kleinen Wesen der Tierwelt und für das geheimnisvolle Wunder der Raupenmetamorphose. Auf ihren Deckfarbenzeichnungen üppiger Blumenbouquets und in reich illustrierten Büchern arbeitete sie später ihre Beobachtungen zu Raupen und Schmetterlingen sowie zur Symbiose von Insekten und deren Futterpflanzen ein. Ihr Werk ist sowohl künstlerisches als auch naturwissenschaftliches Ergebnis ihrer Forschungen, die sie in Nürnberg, Frankfurt, Amsterdam sowie in der niederländischen Kolonie Surinam betrieb.
Das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und die Graphische Sammlung des Städel Museums in Frankfurt am Main verfügen über Werkgruppen, die seit Langem mit dem Namen Maria Sibylla Merian verknüpft werden. Nur wenige Arbeiten sind signiert. Andere sind mit ihren späteren Buchillustrationen verbunden und können ihr daher sicher zugewiesen werden. Daneben aber werden Merian aufgrund ihrer sehr facettenreichen Biografie sowie ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Entwicklung zum Teil ganz unterschiedliche weitere Arbeiten zugesprochen. Um den verschiedenartigen Zuschreibungsansätzen nachzugehen und sie mit der jeweiligen Werkphase Merians abzugleichen, zeichnet die Ausstellung eine Geschichte der Natur- und Pflanzendarstellung sowie botanischer und entomologischer Ausdrucksformen in weitem Bogen vom späten Mittelalter bis zur Romantik. Es werden rund 150 Werke auf Papier und Pergament in den Kunsttechniken der Druckgrafik und Zeichnung gezeigt. Dabei steht Maria Sibylla Merian im Mittelpunkt der Betrachtungen.
Am Anfang steht die Buchmalerei des 15. Jahrhunderts. Sie spielt eine wesentliche Rolle für die Entwicklung der Blumen- und Pflanzendarstellung. Gemalte oder gedruckte üppige Blatt- und prächtige Blumenranken in Büchern bilden eine wichtige Basis für die spätere Blumenmalerei und Pflanzendarstellungen in Renaissance und Barock.
Auch im frühen Kupferstich manifestiert sich im 15. Jahrhundert das Interesse an floralen Motiven in überraschender Dichte. In ihm wurde die Welt der Pflanzen höchst unterschiedlich interpretiert und für gestalterische Zwecke eingesetzt.
Die Art der Gestaltung und Darstellung von Pflanzen unterlag jedoch nicht nur dekorativen Aspekten, sondern wurde zusätzlich von den Funktionszusammenhängen geprägt, etwa in den frühen gedruckten Kräuter- und Apothekerbüchern. Daneben zeigen die höchst präzisen Naturstudien Albrecht Dürers und der Künstler aus seinem Umkreis ein wachsendes Interesse an der detailgetreuen Wiedergabe von gewöhnlichen einheimischen Pflanzen. Einen Höhepunkt der Blumenmalerei bildet das Werk von Georg Flegel, dem Lehrer von Merians Stiefvater Jacob Marrel. Er hatte mit seiner Kunst einen erheblichen Einfluss auf die junge Künstlerin. Seine äußerst delikat ausgeführten Aquarell- und Deckfarbenzeichnungen zeugen von seiner Virtuosität und detailgenauen Betrachtung von Blumen und Insekten. Etwa zeitgleich entstanden, ebenfalls möglicherweise in Frankfurt am Main, die überaus zarten entomologischen Kunstwerke des Antwerpeners Georg (Joris) Hoefnagel. Die Miniaturen überraschen durch ihre äußerst detailreiche und geradezu mikroskopisch naturnahe Darstellung von Insekten und Pflanzen. Einige hier anschließende Werke werden bis heute in ihrer Zuschreibung an Maria Sibylla Merian diskutiert. So bietet die Ausstellung eine Gelegenheit, diesen offenen Fragen im direkten Werkvergleich nachzugehen.
Die Gruppe der delikaten Miniaturen bildet einen starken Kontrast zu den prachtvollen botanischen Publikationen der Zeit. Darunter befindet sich der berühmte »Hortus Eystettensis« (1613) des Apothekers Basilius Besler, der zum Vorbild für zahlreiche Florilegien wurde. Mit Prachtwerken dieser Art verewigten Gartenbesitzer den Reichtum und den naturkundlichen Anspruch ihrer Blumensammlungen. Daneben sind in der Ausstellung weitere prominente Beispiele dieser Gattung zu sehen: das mehrbändige Florilegium des Grafen Johannes von Nassau-Idstein (1651-64), das Florilegium des Hamburger Kaufmanns und Senators Caspar Anckelmann (um 1669) sowie eine umfangreiche Gruppe von Blumendarstellungen des in Nürnberg tätigen Meisters Bartholomäus Braun, die früher ebenfalls mit dem Namen Maria Sibylla Merian verbunden wurden.
In Nürnberg, wo Merian einige Jahre ihres Lebens verbrachte, Blumenmalereien schuf und einem Kreis von Nürnberger Damen Unterricht im Sticken und Zeichnen von Blumen erteilte, bildete sich eine breite Nachfolge ihrer Kunst aus. Darin treten die Arbeiten der Künstlerfamilie Dietzsch in den Fokus, allen voran jene von Barbara Regina Dietzsch und ihrer Geschwister. Ihre Werke bieten höchst beeindruckende Blumen-, Insekten- und Gemüsedarstellungen. Es sind auf Nahsicht angelegte Feinmalereien; hier und da schimmert das seidene Netz einer Spinne oder die zarten Flügel eines Insekts in leuchtendem Blau vor dunklem Hintergrund. Zum Abschluss gibt die Ausstellung einen Ausblick auf die Pflanzendarstellungen in der Landschaftsmalerei und auf die isolierte Darstellung einzelner naturkundlicher Details in Studienblättern der deutschen Romantik.
Es ist die Natur in ihrer Schönheit und Eigenart, die in den facettenreichen künstlerischen Darstellungsformen offenbart, gefeiert und verewigt wird.

Michael Roth, Catalina Heroven
Maria Sybilla Merian und die Tradition des Blumenbildes, Kupferstichkabinett, 7. April bis 2. Juli 2017
Aus MuseumsJournal 2/2017, Ausstellungen