2 | 2017 April – Juni

Chili und Schokolade. Der Geschmack Mexikos

Es ist eher selten, dass die bloße Erwähnung eines Ausstellungstitels emotionale Reaktionen auslöst. Die neue Sonderausstellung »Chili und Schokolade« im Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin tut genau dies. Man kann sie hassen oder lieben, aber gleichgültig lässt einen die Schokolade nicht - schon weil sie der Inbegriff von Versuchung ist.
 
Vielfalt aus Mexiko in aller Munde.
Foto: Lunamarina
Die Chili andererseits verspricht Exotik, und genau das macht dieses Paar so spannend. Für uns stehen diese beiden Begriffe stellvertretend für den Geschmack Mexikos.
Die Eingangshalle des Botanischen Museums ist eher für ihre preußische Nüchternheit bekannt, doch im Mai 2017 verwandelt sie sich in ein Farbenmeer: Der Nachbau eines mexikanischen Opferaltars ist zugleich das Entree in die Ausstellung. In Mexiko werden diese Altäre traditionell jedes Jahr anlässlich des »Dia de los Muertos« Anfang November errichtet. Unser Altar ist mit einer Fülle von Pflanzen und Pflanzenprodukten geschmückt, die aus Mexiko stammen, inzwischen jedoch weltweit Bedeutung erlangt haben.
Chili und Schokolade, aber auch andere Pflanzen wie Mais, Avocado, Bohnen und Tomaten sind aus unseren Küchen nicht mehr wegzudenken. Aber wer kennt Pittahaya, Chia, Annatto oder Cilantro? Und wer weiß, dass die Vanille ebenfalls eine Mexikanerin ist? All diese Pflanzen und viele mehr stammen aus Mexiko oder werden dort seit Jahrtausenden in riesiger Sortenvielfalt kultiviert. Nach der spanischen Eroberung gelangten sie aus Mexiko in unser aller Munde. Während Avocado, Ananas und Agaven bis heute wichtige Exportprodukte der mexikanischen Agrarindustrie sind, muss der traditionsreiche Mais mittlerweile sogar in das bevölkerungsreiche Land importiert werden.
Die Ausstellung erzählt diese Pflanzengeschichten in mehreren Kapiteln im Museum und im Garten und erklärt so, wie der Geschmack Mexikos zum Geschmack der Welt wurde. Allein die Geschmackspalette von Chili und Schokolade reicht von mild (gefüllte »chiles en nogada« - Paprikaschoten in Walnusssoße) bis scharf (rote und grüne Salsa) und vom bitteren Kakaotrunk der Maya und Azteken bis zur süßen Nascherei. Eine würzige Verbindung zwischen Schokolade und mehreren Chilisorten bildet die Schokoladensauce »mole poblano«, die üblicherweise mit Hühnchen serviert wird und für die jede Familie ein eigenes Rezept hütet.
Doch was sind das für Pflanzen, die hinter diesen Geschmacksexplosionen stehen? Der Anbau von Theobroma cacao ist auf den Regenwald beschränkt, und bereits vor der Ankunft der Spanier waren Kakaobohnen ein wertvolles und wichtiges Handelsgut, das auch in den trockenen Hochtälern gern genossen wurde. Dabei waren es die Maya, die es verstanden, »xocolatl« erstmals zielgerichtet anzubauen und zu nutzen. Auch die Domestizierung von Chili (Capsicum annuum) fand höchstwahrscheinlich in Mexiko statt. Dafür sprechen archäologische und molekulargenetische Untersuchungen. Mittlerweile gibt es Tausende Sorten, von der milden Gemüsepaprika bis zur höllenscharfen Chili.
Doch nicht nur unser Speisezettel wurde massiv durch die Neuankömmlinge aus der Neuen Welt erweitert, auch andere Nutzpflanzen spielen kulturhistorisch und bis heute eine große Rolle. So verbindet man nicht erst seit Frida Kahlo bunte Farbenpracht mit Mexiko. Pflanzliche Farbstoffe, zum Beispiel aus der Indigopflanze, dem Annattostrauch oder Bursera-Holz, dienen zum Färben und Bemalen von Stoffen, Holz und Keramik und spielen seit Menschengedenken eine große Rolle im Kunsthandwerk.
Einige mexikanische Blumen, die bereits die Gärten der Azteken schmückten, haben in Europa eine erstaunliche Karriere als Zierpflanzen gemacht: die Dahlie beispielsweise, die uns im Herbst mit ihrer flammenden Blütenpracht erfreut und bereits vor 200 Jahren erstmals im Berliner Botanischen Garten blühte. Zinnien, Studentenblumen und Weihnachtssterne (MJ 3/2010), die wir in öffentlichen Parks finden oder aus dem Sortiment unseres Blumenladens kennen, sind ebenfalls stolze Mexikaner. Das gleiche gilt für beliebte Büropflanzen wie Yuccapalme, Elefantenfuß und die meisten Kakteen.
Solche Vielfalt ist nur zu verstehen, wenn man weiß, aus welchem Riesenreservoir die mexikanischen Hochkulturen schöpfen konnten. Mexiko ist mit rund 30 000 Pflanzenarten eines der artenreichsten Länder unserer Erde und damit etwa dreimal so vielfältig wie ganz Mitteleuropa. Ein ganzes Bündel von Faktoren ist dafür verantwortlich: In Mexiko treffen die Pflanzen der gemäßigten Breiten aus dem Norden auf tropische Gewächse aus dem Süden. Weil das Land zwischen zwei Meeren liegt, ist das Klima zudem durch Regen- und Trockenzeiten geprägt. Mexiko ist außerdem durchzogen von zahlreichen hohen Gebirgen. Im Westen und Osten schirmen steil aufragende Randgebirge das Landesinnere von Regenwolken ab, sodass es an den Küsten feuchter und im Landesinneren trockener ist. Im Süden Mexikos bildet der transmexikanische Vulkangürtel eine zusätzliche vertikale Barriere. All das führt dazu, dass es in diesem riesigen Land eine enorme Bandbreite von Landschaften, Klimaten und Böden gibt, die vielen verschiedenen Pflanzen Raum bieten.
Diese unterschiedlichen Lebensräume mit all ihren Besonderheiten und Spezialitäten werden in der Ausstellung thematisiert. Um Film- und Hörstationen bereichert, macht ein Parcours anschaulich, welche klimatischen und naturgeschichtlichen Faktoren Mexiko zu einem der Hotspots der Artenvielfalt und damit letztendlich auch zu einem Hotspot des guten Geschmacks gemacht haben.

Kathrin Grotz, Patricia Rahemipour
Chili und Schokolade. Der Geschmack Mexikos, Botanisches Museum, 5. Mai 2017 bis 25. Februar 2018
Aus MuseumsJournal 2/2017, Ausstellungen