2 | 2017 April – Juni

Otto Bartning. Architekt einer sozialen Moderne

Oskar Schlemmer hielt ihn für den eigentlichen Erfinder des Bauhausgedankens und Walter Gropius gewann in dem von ihm geleiteten Unterrichtsausschuss des Arbeitsrats für Kunst wesentliche Impulse für das Programm des 1919 in Weimar gegründeten »Staatlichen Bauhauses«. Die Rede ist von Otto Bartning, den heute nur noch wenige kennen und dem die Akademie der Künste am Hanseatenweg nun eine große Ausstellung widmet.
 
Otto Bartning, Ansicht der Sternkirche, Tuschezeichnung, 1922
© Otto-Bartning-Archiv TU Darmstadt
Der Name Bartning ist prominent und bekannt. Schulen und Straßen sind nach ihm benannt, in Berlin die geschwungene Allee, die über den Hanseatenweg zur Akademie der Künste im Tiergarten führt. Als inspirierender Architekt und Programmatiker der westdeutschen Nachkriegsmoderne ist er auch im Ausland anerkannt, doch sein Lebenswerk wurde bisher kaum gewürdigt.
1883 in Karlsruhe geboren, studierte Bartning zunächst an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, dann in seiner Heimatstadt Architektur. Schon während des Studiums erhielt er erste Aufträge für Kirchenbauten, die - wie auch seine frühen Villen und Landhäuser - bereits die Abkehr vom damals gängigen Historismus in der Architektur zeigen. Er publizierte ab 1907 kritische Schriften gegen die »Stilbaukunst« und schloss sich der Reformbewegung des Deutschen Werkbunds an, doch erfolgte der radikale Bruch mit den kulturellen Traditionen der Kaiserzeit erst mit dem Ende des Ersten Weltkriegs.
Im Dezember 1918 gründete er mit Walter Gropius und Bruno Taut, Künstlern wie Ludwig Meidner und Max Pechstein den revolutionären »Arbeitsrat für Kunst« unter der Forderung: »Kunst und Volk müssen eine Einheit bilden. Die Kunst soll nicht mehr Genuß weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein. Zusammenschluß der Künste unter den Flügeln einer großen Baukunst ist das Ziel.« In der Absicht einer grundlegenden Neuordnung der Lehre an Kunst- und Architekturschulen leitete Bartning den Unterrichtsausschuss im Arbeitsrat, dem auch Walter Gropius angehörte, der hier wesentliche Impulse für das Programm des im April 1919 in Weimar gegründeten »Staatlichen Bauhauses« erhielt; für Oskar Schlemmer war Bartning »der eigentliche Vater des Bauhaus-Gedankens«.
In einer bisweilen religiös übersteigerten Hoffnung auf eine künftige sozialistische Gesellschaft skizzierten Bartnings Freunde und Kollegen im Arbeitsrat sowie in anderen Künstlervereinigungen wie der »Novembergruppe« oder der »Gläsernen Kette« mit expressionistischem Pathos Architekturfantasien für gläserne Volkshäuser und Gemeinschaftsbauten, während Bartning die Dialektik von Sakralem und Profanem auf eigene Weise zu entwickeln versuchte. 1919 veröffentlichte er seine Programmschrift »Vom neuen Kirchbau«, 1922 entwarf er die Sternkirche, deren Konzept seinem Werk noch über Jahrzehnte unterschiedlichste Varianten ermöglichen wird.
Nach Inflation und Wirtschaftskrise, politischer Ernüchterung und Währungsreform folgte dem revolutionären Überschwang der Nachkriegsjahre die Neue Sachlichkeit im Neuen Bauen der Weimarer Republik. Nach Auflösung der Künstlergruppen schloss sich Bartning 1926 mit Kollegen wie Peter Behrens, Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Poelzig, Hans Scharoun sowie den Brüden Hans und Wassili Luckhardt, Bruno und Max Taut zur Berliner Architektenvereinigung »Der Ring« zusammen, projektierte und verwirklichte mit ihnen Großprojekte wie die Siemensstadt in Berlin.
Im selben Jahr übernahm er nach dem Umzug des Bauhaus nach Dessau von Gropius das Haus in Weimar, in dem er nun eine Bauhochschule mit praxisbezogenem Studium im »aktiven Bauatelier« einrichtete.
Neben Forschung, Lehre und täglicher Baupraxis, deren Spektrum von Klinik-, Kultur-, Sozial- und Wohnbauten bis hin zu weiträumigen Siedlungsprojekten reichte, war Bartning weiterhin als Kirchenbaumeister gefragt. Er entwarf und realisierte 1928 für die Industrieausstellung »Pressa« in Köln die aus vorgefertigten Elementen montierte Stahlkirche, die trotz höchst rationeller Konzeption und Produktion durch ihre Eleganz, ihre Proportionen und die leuchtenden Farbklänge der gläsernen Wände einen Sakralraum von ganz eigener atmosphärischer Qualität umhüllte, sowie weitere experimentelle Projekte wie die ebenfalls als Stahlskelettbau 1930 konstruierte Rundkirche in Essen. Spätestens seit Errichtung dieser Bauten war Bartning unbestrittene Leitfigur des Evangelischen Kirchenbaus, in seiner Prominenz allenfalls vergleichbar mit dem Kölner Architekten Rudolf Schwarz, dem Erneuerer der katholischen Sakralarchitektur.
1930 von der nationalsozialistisch geprägten Landesregierung in Thüringen als Professor und Direktor der Weimarer Bauhochschule entlassen, widmete sich Bartning verstärkt dem Wohnungs- und Kirchenbau im In- und Ausland. In der Zeit des Nationalsozialismus bearbeitete er für Kirchengemeinden im Ausland Projekte in Barcelona, Beirut, Brüssel, Lissabon, Paris und anderen Städten.
Als politisch unbelasteter Nestor des Neuen Bauens international bekannt und geschätzt, wurde Bartning zum Wortführer der deutschen Architektenschaft, 1946 zum Erneuerer des Deutschen Werkbunds, seit 1950 als Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten auch in internationalen Vereinigungen aktiv. 1955 gehörte er mit Hans Scharoun zu den Gründungsmitgliedern der Akademie der Künste in Berlin. Seine Bauten und Schriften prägten die nachwachsende Generation.
Konsequent beteiligte Bartning sich an der Wiederbelebung des Deutschen Werkbunds und unterzeichnete mit ehemaligen Protagonisten des Neuen Bauens der Weimarer Republik 1947 eine Liste grundsätzlicher Forderungen, in der es hieß: »Das zerstörte Erbe darf nicht historisch rekonstruiert werden, es kann nur für neue Aufgaben in neuer Form erstehen.« Wieder war es die Beschwörung des Neuen, die hier aus den 1920er-Jahren nachklang, doch wusste gerade Bartning auch das Alte zum Weiterbauen zu nutzen. Den Aufruf zur Erneuerung bezog er allererst auf den mentalen Wandel der Deutschen, in Abkehr vom Nationalismus und Rassenwahn. In christlicher Solidargemeinschaft sollte ein innerer Wandel stattfinden, insbesondere in den Kirchengemeinden, in denen sich Menschen nach Krieg und Vertreibung in Armut und Demut zusammenfanden. Als Orte der Identifikation, Integration und des gemeinsamen Neubeginns sollten ihnen die Notkirchen dienen, die nach Bartnings Entwurf zwischen 1947 und 1952 in vorgefertigten Bauelementen aus Holz den Gemeinden im Westen und im Osten Deutschlands geliefert und von den Gemeinden in Selbsthilfe vor Ort in unterschiedlichen Varianten zusammengefügt wurden.
Als Berater Berlins war Bartning maßgeblich an der Vorbereitung der Internationalen Bauausstellung, »Interbau 1957« im Hansaviertel beteiligt, die als Antwort auf den Wiederaufbau im Osten der Stadt galt. Durch die sensationellen Bauten prominenter Architekten wie Alvar Aalto, Le Corbusier, Oscar Niemeyer, Pierre Vago und vielen anderen wurde die »Interbau« zu einem weltweiten Erfolg, der wesentlich dem weit gespannten Beziehungsgeflecht und dem diplomatischen Geschick Bartnings zu verdanken war.
Im Rückblick auf seine Anregungen zur Reform des Kirchenbaus und sein Engagement für die geteilte Stadt Berlin ist diese erste umfassende Ausstellung zum Leben und Werk Otto Bartnings sowohl eine Reverenz an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren als auch an den Bau des neuen Hansaviertels, dessen 60-jähriges Jubiläum 2017 zu feiern ist.

Werner Durth
Otto Bartning. Architekt einer sozialen Moderne, Akademie der Künste am Hanseatenweg, 31. März bis 18. Juni 2017
Aus MuseumsJournal 2/2017, Ausstellungen