4 | 2018 Oktober – Dezember

Zwischen den Filmen. Eine Fotogeschichte der Berlinale

Als 1951 die ersten »Internationalen Filmfestspiele Berlin«, kurz »Berlinale«, stattfanden, war Berlin in vier Sektoren unterteilt. Oscar Martay, der Filmoffizier der amerikanischen Militärregierung, hatte die Gründung des Festivals betrieben und mit Darlehen finanziert. Das »Schaufenster zur freien Welt« sollte internationale Filme nach Berlin bringen, der Stadt als Kulturmetropole wieder aufleben lassen und nach dem Muster der Festivals von Cannes und Venedig Besucher aus der ganzen Welt anziehen - die Länder des später so genannten Ostblocks waren dabei allerdings nicht vorgesehen.
 
Heinz Köster, Der britische Schauspieler Peter Ustinov, 1955
© Deutsche Kinemathek
Spielorte der im Juni 1951 unter Gründungsdirektor Alfred Bauer stattfindenden Berlinale waren der Titania-Palast in Steglitz, die Waldbühne sowie der Sommergarten am Funkturm, und von Anfang an strömte das Berliner Publikum in Massen zu den Veranstaltungen. Sowohl die bekannten deutschen Filmstars als auch jene, die aus den USA und Europa anreisten, wurden begeistert empfangen. Damals durfte das Publikum seine Lieblingsfilme wählen, für die dann Bronzeteller statt Bären durch die Jury vergeben wurden.
Die Internationalen Filmfestspiele waren und sind bis heute immer auch Gradmesser für die politischen Verhältnisse in Deutschland, für das kulturelle Leben in Berlin, für die wirtschaftliche Situation und den Zeitgeist. So eroberten sich die Repräsentanten des »Neuen deutschen Films« nach und nach das Festival, so führten die gesellschaftlichen Umbrüche vor und nach der Studentenrevolte auch zu heftigen Diskussionen auf der Berlinale und schließlich zur Gründung des »Internationalen Forums des jungen Films«. So kam zum traditionellen Publikum, den Autogrammjägern und Fans des Festivals eine neue Generation von kritischen jungen Leuten hinzu, die mit den Regisseuren diskutieren wollten, statt Schauspieler und Schauspielerinnen anzuhimmeln.
Von Anfang an haben Pressefotografen die Berlinale dokumentiert. In der Deutschen Kinemathek sind mehrere Nachlässe von Fotografen archiviert, deren Hauptfokus auf filmrelevanten Ereignissen lag: Mario Mach und Heinz Köster waren seit der ersten Ausrichtung des Festivals präsent, von den 1970er- bis in die 2000er-Jahre hinein war Erika Rabau offizielle Berlinale-Fotografin. Der besondere Reiz dieser Sammlungen liegt in den en passant eingefangenen Momenten am Rande der eigentlichen Motive, die Mode, Zeitgeist, Alltags- und Repräsentationskultur sowie Konsumverhalten spiegeln.
Weitere Berlinale-Fotografen wie Christian Schulz und Gerhard Kassner, der offizielle Prominenten-Porträtist seit 2002, haben das Image der Berlinale geprägt.
Die Bilder dieser Fotografen erzählen eine lange Geschichte, die von Stadt und Kultur, von Stars und ihrem Publikum, von Armut und Reichtum, Kaltem Krieg und Revolte, von Ritualen und Repräsentation, von Fremdheit und Nähe, von Mangel und Überfluss, von Privatheit und Öffentlichkeit, von Ernsthaftigkeit und Vergnügungssucht und vom Wandel der Werte handelt.
Die Ausstellung »Zwischen den Filmen. Eine Fotoausstellung der Berlinale« ist in zehn Themenkomplexe unterteilt, die charakteristisch für das Festivalgeschehen sind. Zu den einzelnen Stichpunkten werden Fotografien aus verschiedenen Dekaden präsentiert. Die Besucher können so direkte Vergleiche über fast sieben Jahrzehnte anstellen und eine Vorstellung von der einerseits ritualisierten, andererseits ganz einzigartigen Festivalkultur gewinnen. Die Internationalen Filmfestspiele Berlin werden zum Spiegel der Alltagskultur in einer besonderen Stadt. Zu sehen sind Momentaufnahmen aus dem Festspielgeschehen von verschiedenen Fotografen, die zusammengenommen ein Mosaik aus den schillernden Facetten dieses von Beginn an besonderen Festivals bilden. »Fans«, »Stars«, »Politik«, »Partys«, »Mode«, »Paare«, »Kinos«, »Bären, »Presse« und »Stadt« bezeichnen die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung:
Das Berliner Publikum, die »Fans«, sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der Berlinale, ohne dessen - mitunter fast aggressive - Starverehrung das Festival weniger Aufsehen erregen würde.
Wer als »Star« und wer nur als Sternchen gilt - auch darüber entscheidet weniger die Qualität der Filme, in denen die Schauspieler auftreten, sondern PR, Selbstdarstellung und Medieninteresse. Sowohl die Berliner Regierenden Bürgermeister - von Willy Brandt bis Klaus Wowereit - als auch die jeweiligen Bundespräsidenten und heute die Kulturstaatsminister ließen es sich nicht nehmen, »Politik« mit der Berlinale zu machen, Präsenz zu zeigen bzw. einzuladen, um sich mit Stars zu schmücken.
Essen ist - bis zum »Kulinarischen Kino« von Festivaldirektor Kosslick - immer wichtig gewesen: Die Bescheidenheit der Büffets in den 1950er-Jahren konterkariert eindrücklich die gegenwärtigen Ansprüche. »Partys«, Dinners, Empfänge, Bälle, meistens mit Live-Musik, gelegentlich themengebunden sind aus dem Umfeld der Berlinale nicht wegzudenken. Die sprichwörtlich unelegante Stadt Berlin erlebt während der Berlinale mondäne Auftritte von Stars und Politikern, am Wandel der »Mode« und Kleiderordnung lässt sich ebenfalls deutsche Sozialgeschichte ablesen.
Die Berlinale ist ein wichtiger Ort für »Paare«, für professionelle, politische, freundschaftliche und auch erotische Begegnungen. Während anfangs die großen Filmpaläste das Programm darboten, sind zunehmend kleinere »Kinos« oder besondere Orte hinzugekommen. Die Preisverleihung, bei der noch nie nur »Bären« vergeben wurden, ist der offizielle Höhepunkt des Festivals. Fotografen, Pressekonferenzen, Society-Klatsch, Interviews und Promi-Berichterstattung - abgesehen von der seriösen Filmkritik gibt es ein weites Spektrum an journalistischen Tätigkeiten, die auf der Berlinale sichtbar ausgeübt werden.
Wenn ab Mitte Januar die Festivalplakate überall in der Stadt auftauchen, beginnt das Berlinale-Fieber - seit ihren Anfängen hat die Berlinale das Stadtbild geprägt, hat die »Stadt« vom Festival ebenso profitiert wie umgekehrt.

Daniela Sannwald
Zwischen den Filmen. Eine Fotogeschichte der Berlinale, Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen, 28. September 2018 bis 5. Mai 2019
Aus MuseumsJournal 4/2018, Ausstellungen