1 | 2019 Januar – März

Kurioses und Seriöses. Beispiele aus der Provenienzforschung

Provenienzforschung gehört von jeher zu den grundlegenden Aufgaben von Museen. Am Märkischen Museum wurde sie schon vor 1945 umfänglich betrieben, um Objekte - über ihren kulturhistorischen Wert hinaus - in lokale und personelle Bezüge setzen zu können. So gelang es dem damaligen Direktor Walter Stengel, einen 1935 erworbenen Damensekretär (um 1755) aus der Potsdamer Werkstatt der Brüder Spindler dem ostbrandenburgischen Schloss Tamsel (heute Palac Dąbroszyn) und seiner Bewohnerin Eleonore von Wreech zuzuordnen.
 
Carl Steffeck, Um eine Kopfeslänge geschlagen (Pferderennen in Hoppegarten am 15. Juni 1873), 1874. Öl auf Leinwand, 77x132 cm. Stiftung Stadtmuseum Berlin.
© Stadtmuseum Berlin. Foto: Matthias Viertel
Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Provenienzforschung in dem in Ost-Berlin gelegenen und somit zur DDR gehörenden Märkischen Museum erkennbar ab. Woher etwas stammte, scheint nicht mehr interessiert zu haben oder es wurde bewusst verschwiegen, um etwa bei Schlossbergungen - also der Beschlagnahme der Ausstattung von Adelssitzen ab 1945 - keine Verbindungen zu den Altbesitzern herzustellen. Auch sonst wurde man nicht stutzig bei unstimmigen Inventarbucheinträgen wie zu der 1941 von einem Feldwebel von Suck erworbenen Vedute des Gendarmenmarktes. Das um 1780 von Carl Friedrich Fechhelm geschaffene Gemälde wurde für immerhin 250 Reichsmark angekauft und soll nach Angaben von Sucks an der Ostfront aus einem brennenden Haus in Noslawlj (bei Smolensk) gerettet worden sein. Ähnlich desinteressiert ging man mit der Übernahme von etwa 50 barocken Möbelstücken vom Finanzministerium der DDR um, die laut Aufschriften während des Kriegs aus Paris angeliefert worden waren und somit entweder in Frankreich beschlagnahmt oder durch zweifelhaften Kunsthandel erworben worden waren. Dieser Vorgang wird aktuell erforscht und verspricht interessante Erkenntnisse über behördliche Zuständigkeiten in der noch jungen DDR Anfang der 1950er-Jahre.
Im Fall der eigenen Kriegsverluste des Museums konnte die Provenienzforschung ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Besonders kurios ist der Fall der 1920 vom Märkischen Museum erworbenen Vedute »Blick von den Rollbergen« (1834) von Wilhelm Barth. Sie galt als im Krieg verschollen, war aber als Wandschmuck in Amtsstuben genutzt worden und befand sich infolge der Teilung der Stadt in West-Berlin, dessen Senat das qualitätsvolle Werk 1977 dem Berlin Museum überwies. Dort wurde die Provenienz mit »Berlin, Ermelerhaus (1937)« vermerkt. Bei der Zusammenführung der Sammlungen des Märkischen Museums und des Berlin Museums 1995 im neu gegründeten Stadtmuseum Berlin erkannte man zunächst nicht die Identität, sodass das Bild zwar physisch vorhanden war, aber weiterhin als Kriegsverlust geführt wurde.
Als Kriegsverlust galt auch das Gemälde »Der Hahnenschlag« (um 1762) von Bernhard Rode, das vom Märkischen Museum 1943 auf einer Auktion bei Hans W. Lange erworben worden war. Das nach Kriegsende zunächst in die Sowjetunion gelangte Gemälde wurde 1958 an die DDR zurückgegeben. Hier hielt man es fälschlich für ein Werk von Daniel Chodowiecki, weshalb es der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin überantwortet wurde. Erst zur Jahrtausendwende erkannte man dort den Irrtum und gab das Bild an das Stadtmuseum Berlin zurück. Inzwischen hat sich gezeigt, dass das Gemälde aus den Sammlungen der unter der nationalsozialistischen Herrschaft enteigneten Unternehmer Martin und Georg Tietz (»Hertie«) stammt; die Restitution wird derzeit geprüft.
Tiefergehende Forschungen zu Kriegsverlusten waren bis in die 1990er-Jahre kaum möglich, da durch die analogen Datenträger, etwa Auktionskataloge, ein weltweites Verfolgen des Kunstmarktes faktisch unmöglich war. Dies galt besonders in den Staaten des Warschauer Vertrags, zu denen die DDR gehörte. So konnte das Märkische Museum nicht wissen, dass 1983 bei Christie's in London das Gemälde »Pferderennen in Hoppegarten« von Carl Steffeck (1874) versteigert wurde, das der Sammlung 1945 abhandengekommen war.
Dank der guten Vernetzung der Provenienzforscher, der zunehmenden Popularität des Themas sowie elektronischer Datenbanken, die seit dem Washingtoner Abkommen von 1998 sukzessive erstellt werden, ist die Situation heute eine andere. Das Stadtmuseum Berlin hatte das erwähnte Gemälde in der Lost-Art-Datenbank als Kriegsverlust gemeldet. So konnte es anlässlich einer erneuten Versteigerung 2016 bei Christie's in New York erkannt und nach Aushandeln eines Vergleichs vom Eigentümer zurückerworben werden. Berlin hat damit ein wichtiges Bild zur frühen Sportgeschichte wiedererlangt. Ähnlich verhielt es sich bei dem ebenfalls zur Versteigerung vorgesehenen, kleinformatigen Gemälde »Blumenstilleben mit Wolfsmilchschwärmer« (1706) des niederländischen Malers Willem van Royen, dessen Rückerwerb aus London 2016 gelang.
Einer Odyssee gleicht dagegen die Geschichte eines Achatglas-Pokals aus dem Altbestand des Museums, der unter der Losnummer 109 am 25. April 2018 im Wiener Auktionshaus Kinsky versteigert werden sollte. Dieser Pokal war vom Märkischen Museum am 27. März 1890 beim Auktionshaus Lepke zusammen mit 13 weiteren Glasobjekten aus der ehemaligen Sammlung Stropp (Pächter der Glasproduktionsstätte Zechliner Hütte) erworben worden. Robert Schmidt dokumentierte es 1914 in seinem noch heute gültigen Standardwerk »Brandenburgische Gläser« in Wort und Bild. Die Provenienz war also bekannt und wurde im Kinsky-Auktionskatalog sogar mit »Museum Berlin« angegeben.
Dieser Pokal, den das Museum seit 1945 als Kriegsverlust führt, war 1990 schon einmal beim Auktionshaus Kinsky zum Aufruf gekommen. Und obwohl der damalige Magistrat von Ost-Berlin seinen Anspruch geltend machte, konnte der Verkauf nicht verhindert werden, da sich der Einlieferer darauf berief, den Pokal in den 1980er-Jahren im Würzburger Kunsthandel gutgläubig erworben zu haben. Auch 2018 wird seitens des Auktionshauses wieder argumentiert: »Wenn an solchen Objekten aber längst wieder - durch Verjährung, Ersitzung oder gutgläubigen Erwerb - Eigentum erworben worden ist, so tritt der Umstand, dass diese Gegenstände in einem mehr als 70 Jahre zurückliegenden Krieg irgendwie abhandengekommen sind, doch etwas in den Hintergrund.« So bleibt dem Museum nur wenig Hoffnung auf einen Vergleich und die Rückkehr des Glaspokals.
Die zunächst von vielen Museen als belastend, wenn nicht gar als bedrohlich empfundene Provenienzforschung ist am Stadtmuseum Berlin seit 2008 etabliert und mittlerweile fest in die tägliche Museumsarbeit integriert. Sie hilft hier auch bei der strukturellen Klärung der Sammlungszusammenhänge. So trägt sie zur Erforschung der eigenen Institutsgeschichte bei, und nicht zuletzt liefert sie auch viele neue Geschichten zu den Sammlungsobjekten - keineswegs nur zu denen, die wegen ihrer Provenienz belastet sind.

Andreas Bernhard und Martina Weinland
Kurioses und Seriöses. Beispiele aus der Provenienzforschung, Stiftung Stadtmuseum Berlin
Aus MuseumsJournal 1/2019, Auftrag Provenienzforschung