1 | 2019 Januar – März

Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance

Wir schreiben das Jahr 1501. Isabella d'Este, einflussreiche Markgräfin von Mantua und ausgesprochen kritische Kunstliebhaberin, möchte ein Werk von Giovanni Bellini erwerben. Bellini (um 1435-1516) ist zu dieser Zeit, wie Albrecht Dürer wenige Jahre später bemerkt, unter allen venezianischen Künstlern der »pest jm gemoll«, der Beste in der Malerei.
 
Andrea Mantegna, Darbringung Christi im Tempel, um 1454. Öl auf Leinwand, 77,1x94,4 cm. Gemäldegalerie
© Gemäldegalerie SMB. Foto: Christoph Schmidt
Isabella d'Este bestellt bei Bellini eine »istoria«, ein Gemälde mit einem literarisch-humanistischen Thema, das in ihren Gemächern im Palazzo Ducale neben einem Bild des Mantuaner Hofmalers Andrea Mantegna (1431-1506) hängen soll. Doch es geschieht etwas Unerwartetes: Giovanni Bellini weigert sich, dem Wunsch der Markgräfin nachzukommen. Der Grund: Er scheut den Vergleich mit Mantegna. Bellini selbst brilliert zwar im Malen von Landschaften, Andachts- und Altarbildern sowie Porträts, doch will er es sich nicht anmaßen, für die anspruchsvolle Markgräfin gerade auf dem Gebiet tätig zu werden, auf dem Mantegna unangefochtener Meister ist: der istoria. Nach jahrelangen erfolglosen Verhandlungen akzeptiert Isabella d'Este schließlich das Bild mit einer Darstellung der »Geburt Christi«, das Bellini für sie gemalt hat. Dieses Gemälde ist heute nicht mehr erhalten; es wird aber von einem Zeitgenossen, Lorenzo da Pavia, als »schöne Sache« beschrieben, bei der sich Bellini »aus Ehrgefühl viel Mühe [gab], vornehmlich aus Respekt vor Andrea Mantegna.« Diese Anekdote zeigt, dass Andrea Mantegna und Giovanni Bellini, die zu den größten Meistern der italienischen Renaissance zählen, nicht in einem simplen Konkurrenzverhältnis miteinander standen. Im Gegenteil - so verschieden sie auch waren, so unterschiedlich sich ihre jeweilige Karriere auch entwickelte, so standen sie doch zeitlebens in Kontakt und in einem künstlerischen Dialog.
Zu Beginn ihrer Bekanntschaft, etwa ein halbes Jahrhundert vor dem nicht zustande gekommenen Auftrag Isabella d'Estes, steht eine Hochzeit: Im Jahr 1453 heiratet Andrea Mantegna Nicolosia Bellini, die Halbschwester von Giovanni. Es war vor allem eine Heirat aus geschäftlichen Gründen: Der junge, aufstrebende Paduaner Künstler Mantegna wurde damit in die Familie Bellini aufgenommen, die dabei war, zur bedeutendsten Malerdynastie Venedigs aufzusteigen. Jacopo Bellini und seine Söhne Giovanni und Gentile konnten sich durch den neuen Schwiegersohn und Schwager wichtige Geschäftsbeziehungen nach Padua und zum Festland sichern. In diesem Umfeld arbeiteten Andrea Mantegna und Giovanni Bellini nicht sehr lange eng zusammen, kaum zehn Jahre: 1460 zog Andrea Mantegna nach Mantua, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1506 Hofmaler war. Giovanni Bellini dagegen, der ein Jahrzehnt nach ihm starb, verbrachte seine gesamte Künstlerkarriere in Venedig. Obwohl sich ihr Schaffen also unter ganz verschiedenen, ja teilweise gegensätzlichen Umständen und in unterschiedlichen Umgebungen entwickelte, trägt es zeitlebens jeweils deutliche Spuren eines über die Jahrzehnte hinweg gepflegten, fruchtbaren künstlerischen Austauschs. Ihre Leistungen umfassen herausragende Neuerungen, die den Nordosten Italiens zu einer ausgesprochen kreativen und dynamischen Umgebung für die Entwicklung der Renaissance sowohl nördlich als auch südlich der Alpen machten. Dabei entfalteten Giovanni Bellini und Andrea Mantegna über die Jahre hinweg jeweils sehr ausgeprägte und sehr persönliche Stile - aber keine ihrer künstlerischen Errungenschaften kann ohne das Werk des anderen vollständig verstanden werden. In gewisser Weise war der jeweils andere Künstler nie ganz abwesend aus ihrem Bewusstsein, und das Wissen um die Tätigkeit des anderen formte das Wirken beider Künstler. Beide setzten sie sich sowohl mit der Tradition als auch mit Innovationen Dritter auseinander (insbesondere solchen der niederländischen Malerei oder der Bildhauerkunst Donatellos) und wurden dabei in gleichem Maße selbst zu aktiven Gestaltern eines epochalen künstlerischen Wandels. Während Giovanni Bellini als der erste Landschaftsmaler Italiens gilt, ist Andrea Mantegnas Schaffen geprägt von einer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der klassischen Antike. Auf die Renaissancemaler im Nordosten Italiens, etwa auf Giorgione oder den frühen Tizian, war ihr Einfluss ausschlaggebend, sowohl während ihrer Lebzeiten als auch darüber hinaus. Auch auf Albrecht Dürer übte das Werk des einen wie des anderen eine große Faszination aus.
In der National Gallery London und der Gemäldegalerie Berlin sind die Werke von Mantegna und Bellini in außergewöhnlich großer Zahl und Qualität vorhanden, die Bestände umfassen Meisterwerke beider Künstler aus all ihren Schaffensphasen. Das vielleicht berühmteste Werk ist das »Porträt des Dogen Leonardo Loredan« (um 1501/02) von Giovanni Bellini in London, das einer der Meilensteine der Porträtkunst ist und noch nie zuvor zu einer Sonderausstellung geliehen wurde. In Berlin ist die »Darbringung Christi im Tempel« zu erwähnen, ein Werk des jungen Mantegna, das er kurz nach seiner Heirat mit Nicolosia Bellini 1453 malte. Das Bild ist wahrscheinlich aus Dankbarkeit über die gesunde Geburt ihres ersten Kindes entstanden; an den Rändern der Komposition sind die Bildnisse von Mantegna (rechts) und Nicolosia (links) zu sehen. Dieses Gemälde ist entscheidend für die Beziehung zwischen Mantegna und Bellini, da es fast 20 Jahre später von Bellini abgepaust wurde: Bellinis Tafel befindet sich in der Fondazione Querini Stampalia in Venedig und wird anlässlich der Ausstellung ausnahmsweise zusammen mit der Berliner Leinwand gezeigt.
Um den Kern von Werken aus London und Berlin herum versammelt sich eine Anzahl herausragender Leihgaben, um sowohl die Unterschiede als auch die Ähnlichkeiten im Schaffen dieser beiden großen Renaissancekünstler auf exemplarische Weise herauszuarbeiten. Dazu gehören zwei der ersten Werke der Maler, die den Heiligen Hieronymus zeigen (aus São Paulo bzw. Birmingham), und zwei ihrer letzten Gemälde, monumentale Grisaillen (eine aus London, die andere aus Washington), die das Arbeitszimmer des Dogen Francesco Cornaro in Venedig schmückten und die nie vorher zusammen in einer Ausstellung gezeigt wurden.
Aber die spektakulärste Gegenüberstellung wird zweifellos der »Sieg der Tugend über die Laster« von Mantegna (um 1500/02) mit dem »Fest der Götter« von Giovanni Bellini (1514, Werk teilweise von Tizian 1529 übermalt) bilden: Die Maler messen sich hier direkt miteinander: in der Fähigkeit, eine istoria darzustellen, in der Konzeption der Figuren und in der Präsenz der Landschaft. Neben der Konkurrenz der Künstler gab es auch eine Konkurrenz der Auftragsgeber: Mantegnas Gemälde (jetzt im Louvre) wurde von Isabella d'Este bestellt, während Bellinis Gemälde (heute in der National Gallery of Art in Washington) für ihren Bruder Alfonso d'Este, den Herzog von Ferrara, gemalt wurde. Wir überlassen es den Besuchern zu entscheiden, wer den Preis für den besten Maler erhält - die Ausstellung bringt beide auf dieselbe Ebene.
Sowohl bei Mantegna als auch bei Bellini stellen die grafischen Künste einen ganz wesentlichen Aspekt ihres jeweiligen Wirkens dar. Ein besonderes Augenmerk unseres Ausstellungsprojekts richtet sich daher auf die Kunst der Druckgrafik und vor allem die Zeichenkunst. Das Berliner Kupferstichkabinett und, mehr noch, das British Museum beherbergen eine außergewöhnlich reiche Sammlung von Blättern Mantegnas, Bellinis, ihrer Familien und ihrer Nachfolger bzw. ihres Umkreises. Eine Zusammenführung dieser Werke mit bedeutenden Leihgaben anderer grafischer Sammlungen ermöglicht eine wissenschaftliche Neubewertung der Rolle der Zeichenkunst im Ouvre Mantegnas und Bellinis in aller Breite und Tiefe. Insgesamt geht es bei diesem Ausstellungsprojekt dennoch nicht nur darum, neue Erkenntnisse zu erarbeiten, sondern auch darum, einem breiten Publikum die Bedeutung und die zeitlose Schönheit dieser Hauptwerke der italienischen Renaissancekunst nahezubringen. Die in immer neuen Konstellationen inszenierte, äußerst reizvolle Gegenüberstellung von herausragenden Werken dieser Künstler, die sich so nahe standen und deren Kunst doch so verschieden ist, macht die Besonderheit dieser Ausstellung aus.

Dagmar Korbacher und Neville Rowley
Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance, Gemäldegalerie, 1. März bis 30. Juni 2019
Aus MuseumsJournal 1/2019, Ausstellungen