1 | 2019 Januar – März

Das exotische Land. Fotoreportagen von Stefan Moses

Am 3. Februar 2018 verstarb - fast 90-jährig - der Fotograf Stefan Moses. Die Nachrufe würdigten ihn als »Humanisten«, »Menschenfreund« oder »Chronisten des 20. Jahrhunderts«, und tatsächlich zählen vor allem seine Porträtserien unbekannter und bekannter Deutscher - Künstler, Politiker, Emigranten - zum Bildgedächtnis der Bundesrepublik.
 
Stefan Moses, Festspielbesucherinnen in Bayreuth, 1961. Silbergelatineabzug, 26,3x39,8 cm. Nachlass Stefan Moses.
© Elsa Bechteler-Moses
Das Deutsche Historische Museum widmet Stefan Moses nun eine Werkschau, die erstmals eine weniger bekannte Facette seines fotografischen Schaffens in den Blick nimmt: seine frühen Arbeiten als Fotoreporter aus den 1950er- und 1960er-Jahren.
Seine Fotografenlaufbahn begann der 1928 im schlesischen Liegnitz geborene Moses 1947 als Theaterfotograf in Weimar. Hierher kam der vom NS-Regime als »Mischling« Verfolgte nach seiner Flucht aus einem Arbeitslager; 1950 siedelte er nach München über und begann als Fotoreporter zu arbeiten, 1960 engagierte ihn die westdeutsche Illustrierte »Stern«, für den er auch zahlreiche Reportagen aus dem Ausland fotografierte. Moses' internationale Erfahrungen schärften seinen Blick auf die junge Bundesrepublik: Das Land, dem er 1950 fast den Rücken gekehrt hätte, das sich nach Krieg und Terror mit Wiederaufbau und Wirtschaftswunder neu erfinden und in der Normalität einrichten wollte, faszinierte ihn zunehmend und wurde zu seinem Lebensthema. »Für mich ist Deutschland genau so exotisch wie Afghanistan oder Paraguay, überall unerforschte Gebiete«, begründete er später seine Jahrzehnte dauernden fotografischen Erkundungen.
Anhand von 250 Fotografien sowie Zeitschriften und Büchern zeichnet die Ausstellung Moses' Weg vom umtriebigen Fotoreporter zu einem der wichtigsten Porträtfotografen und Chronisten der Bundesrepublik nach. Gezeigt werden erstmals frühe und heute weitgehend unbekannte Fotoreportagen und Bildessays aus dem Nachlass Moses', daneben präsentiert die Schau eine Auswahl aus seinen berühmten Porträtserien »Deutsche« und »Emigranten«, die sich in der Sammlung des Deutschen Historischen Museums befinden. Politische Momentaufnahmen, gesellschaftliche Beobachtungen und humorvolle Alltagsimpressionen aus Deutschland, Europa und Übersee verdichten sich dabei zu einem Porträt der jüngeren deutschen und internationalen Zeitgeschichte. Gemeinsam ist ihnen Moses' ironisch-distanzierter, aber nie denunzierender Blick auf die Menschen und die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Carola Jüllig
Das exotische Land. Fotoreportagen von Stefan Moses, Deutsches Historisches Museum, 1. Februar bis 12. Mai 2019
Aus MuseumsJournal 1/2019, Ausstellungen