3 | 2018 Juli – September

Humboldt Forum - Der Brückenschlag zur Wissenschaft im Hier und Jetzt

Ein Gespräch mit der Präsidentin der Humboldt-Universität Sabine Kunst zu dem im November 2017 vorgestellten Konzept für den Beitrag der Humboldt-Universität für das Humboldt Forum.
 
Sabine Kunst
Foto: M. Heyde
Museumsjournal: Sie haben am 22. November das Konzept für den Beitrag der Humboldt-Universität für das Humboldt Forum vorgestellt. Was soll dort passieren? Wer wird beteiligt sein?
Sabine Kunst: Wir werden als Humboldt-Universität zum einen das Humboldt-Labor betreiben, mit einer Ausstellungsfläche von etwas mehr als 1000 qm und einigen kleineren Räumlichkeiten in der ersten Etage des Humboldt Forums. Zum anderen sind wir an der Humboldt-Akademie beteiligt, die sich mit »Education« und Vermittlung befasst. Wir sehen unsere Aktivität vor allem als eine der Vermittlung. Mit dem Labor wollen wir einen Schritt aus der Universität heraustreten, ähnlich wie wir das schon mit dem Tieranatomischen Theater gemacht haben. Es stellt eine Weiterentwicklung unserer Experimentierräume dar und soll aktuelle Wissenschaft in eine größere Öffentlichkeit tragen. Beteiligt werden die künftigen Exzellenzclusterinitiativen sein, neun von ihnen sind gerade im Prozess der Antragstellung. Darunter sind »Bild Wissen Gestaltung« und »Topoi« als geisteswissenschaftliche Cluster sowie »Matheon« und »NeuroCure«. Es ist aber nicht festgelegt, dass ein Cluster nach dem nächsten auftritt. Die Grundidee ist vielmehr, dass aus ihnen der Inhalt der Präsentation im Humboldt Labor entstehen soll.

Mj: Welche Formate sind für die Bespielung des Humboldt-Labors angedacht?
SK: Es wird eine Basisausstellung geben, die über interaktive Module Variationen erfährt. Wir haben schon mögliche Ideen entwickelt: »Messen und Metrik« oder »Bilder der Wissenschaft«. Anfang des Jahres beginnt der leitende Kurator mit seinen Planungen, sodass erst in ein paar Monaten feststehen wird, wie genau die Eröffnungsausstellung aussieht.
Zusätzlich wird es Interventionen geben, Veranstaltungen und längerfristige Education-Projekte, die dann aber in der Humboldt-Akademie stattfinden werden. Wir überlegen gerade, mit den anderen Akteuren gemeinsame Ausgangspunkte in Gestalt von Objekten zu finden, die in variablen Modulen zur ersten Ausstellung des Humboldt-Labors verarbeitet werden.

Mj: Ist das als eine Möglichkeit gedacht, an die Erzählstränge der anderen Akteure im Haus anzuknüpfen?
SK: Unbedingt! Mit der hohen Objektvariabilität wollen wir neue Formen des Umgangs mit Altbekanntem finden, quasi den Brückenschlag zur Wissenschaft im Hier und Jetzt.

Mj: Ein Labor ist ein Ort, an dem wissenschaftlichen Fragestellungen nachgegangen wird. Wenn man das als Prinzip ernst nähme, würden die Wissenschaftler dem Publikum nichts vermitteln, sondern es unterstützen, selbst zu forschen. Ist das realistisch? Welche Bedeutung hat die Citizen Science an dieser Stelle?
SK: Das geschieht natürlich immer auf Basis der Freiwilligkeit und der Attraktivität des Angebotes. Für uns ist das ein Ausweis unseres Public Engagements, das auch Elemente von Citizen Science umfassen kann. Das ist aber nicht unser Hauptfokus. Das Labor wird keine Mitmachwerkstatt sein, sondern wir wollen dieses Sich-immer-infrage-Stellen der Wissenschaft anderen nahebringen, und zwar ohne arrogant zu sein. Die Ausstellung soll davon leben, dass Fragen an ihre Inhalte gestellt werden, um gemeinsam die nächsten Schritte für unsere Gesellschaft zu gehen. Diese Fragen können auch von den Besuchern an die Wissenschaft herangetragen werden. Natürlich muss eine Auswahl getroffen werden, weil der Komplexitätsgrad bei manchen Sachverhalten so hoch ist, dass man sie nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit bearbeiten könnte.

Mj: Wie stellt man sicher, dass Fachwissen und Forschungsprozesse verständlich vermittelt werden? Machen das Wissenschaftler oder Kommunikationsprofis?
SK: Der zukünftige leitende Kurator wird im Diskurs mit den Wissenschaftlern aus dem, was Wissenschaft liefert, etwas Publikumskompatibles machen. Das Team wirkt als Übersetzer dessen, was an Produktion von Wissenschaft an der Humboldt-Universität geschieht. Dabei geht es auch darum zu vermitteln, welche Persönlichkeiten dahinter stehen, wie viel Leidenschaft, wie viel Charisma und manchmal wie viel Holzweg. Wichtig ist dabei auch eine gewisse Konzentration, indem man durch die Reduktion von Komplexität die wesentliche Botschaft vermittelt und gleichzeitig herausschält, wo das Mitmachen sinnvoll ist. Wie zum Beispiel in der Ausstellung »+ultra«, wo die Besucher Teil eines Experiments zur Prototypen-Forschung in der Psychologie werden konnten.

Mj: Inwieweit ist denn »+ultra« so etwas wie eine Blaupause für das, was Sie vorhaben? Die Ausstellung war ja nicht ganz einfach für die Besucher.
SK: »+ultra« war eine Ausstellung, die aus dem Exzellenzcluster »Bild Wissen Gestaltung« entstanden ist. Das, was wir im Labor machen werden, entsteht aus der gesamten Universität. »+ultra« kann als hochverdichtete Zusammenfassung angesehen werden, zukünftig sollte ein Thema, das bei "+ultra« nur einen Raum einnahm, eine ganze Ausstellung bestimmen. »+ultra« war zu verdichtet und nicht selbsterklärend. Deswegen wird sich das Team um den leitenden Kurator für die Vermittlung von Wissenschaft eher einem konventionellen Zugang zum Ausstellungsmachen zuwenden.

Mj: Gehen wir noch einmal zurück an den Anfang: Wie profitiert die Wissenschaft vom Humboldt-Labor? Ist das überhaupt das Ziel?
SK: Wir hätten gerne eine Rückkopplung, weil die Wissenschaftler merken, dass sie andere Resonanzen brauchen jenseits des inneren Kreises der Scientific Community. Es gibt zum Beispiel den Ansatz der gläsernen Klassenräume. Auch in der angewandten Philosophie, wo es um Fragen der Toleranz oder um die Krise der Demokratie geht, laufen unterschiedliche Erprobungen. Solche Dinge möchten wir in Veranstaltungen ergänzend zu den Ausstellungen anbieten. Wir müssen experimentieren, wenn wir wirklich etwas zurückbekommen wollen.

Mj: Die zukünftigen Ausstellungen werden sicher auch auf die etwa 40 Sammlungen der Humboldt-Universität zurückgreifen. Warum wird ausgerechnet das Lautarchiv ins Humboldt Forum ziehen?
SK: Die Sammlungen werden einen wichtigen Grundstock für das Labor bilden. Zusätzlich haben wir ja viele aktuelle Objekte, die durch Forschung entstehen. Das Lautarchiv ist eine sehr exklusive Sammlung. Es soll ins Humboldt Forum, weil es in Komplementarität zum Phonogramm-Archiv der Staatlichen Museen zu Berlin eine ganz besondere Einzigartigkeit in Bezug auf die Aufzeichnung von Stimmen, Dialekten, Liedgut, Interviews aufweist. Es wird wie eine Art Knotenpunkt im Haus fungieren. Am Lautarchiv kann man verdeutlichen, wie aktuelle Forschung in die Humboldt-Universität zurückwirkt: Wir gehen davon aus, dass durch die Arbeit an diesem Archiv im Humboldt Forum eine Aktualisierung der kulturwissenschaftlichen Forschung an der Humboldt-Universität erfolgen wird.

Mj: Das Lautarchiv ist ja etwas, das man nicht anschauen kann. Man versteht nicht, was gesagt wird, man braucht jemanden, der einem eine Übersetzung mitgibt oder das Ganze kontextualisiert. Es hat nicht so eine Unmittelbarkeit wie haptische Gegenstände. Dieser Rückschluss lässt sich sicherlich schwierig darstellen.
SK: Jein. Das Objekt hat eine ganz andere Qualität, es macht Geräusche und kann anderen Objekten eine Erläuterung oder Kontextualisierung geben, die man sonst nicht hätte. Die Form der Vermittlung muss über ganz verschiedene Medien laufen, der Ton allein ist nicht ausreichend. Ich bin auch gespannt, wie die Kuratoren das umsetzen. Aber ich bin voller Vertrauen, dass sie das können.

Mj: Gibt es schon konkrete Kooperationspartner?
SK: Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Museum für Naturkunde und dem Botanischen Garten zusammen - für die naturwissenschaftlichen Themen wie Klima- oder Umweltfragen. Dann kooperieren wir natürlich mit der Stiftung Stadtmuseum und den Sammlungen der Staatlichen Museen.

Mj: Welche Rolle werden die Namensgeber spielen?
SK: 2019 wird es anlässlich seines 250. Geburtstages sehr viel zu Alexander von Humboldt geben, sodass die besondere Interdisziplinarität, die sich aus seiner Person ergibt, auch für uns ein übergreifendes Thema ist. Natürlich wird ebenso die Eröffnung des Humboldt Forums damit zu tun haben, aber nicht dezidiert die Brüder Humboldt thematisieren.

Mj: Und schaffen Sie es bis 2019?
SK: Ja!

Nadja Mahler
Humboldt Forum - Der Brückenschlag zur Wissenschaft im Hier und Jetzt
Aus MuseumsJournal 1/2018, Humboldt Forum