4 | 2018 Oktober – Dezember

Das Exilmuseum Berlin. Hintergründe und Vision

Das Exilmuseum Berlin befindet sich im Aufbau. Schirmherrin des Projekts ist die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Träger die Stiftung Exilmuseum Berlin. Für das Museum wird derzeit vom Standort Fasanenstraße 24 und einer Eröffnung im Jahr 2020 ausgegangen.
 
Walter Gropius, 1955, Tilla Durieux, 1963, Fritz Bauer, 1965 aus Erste Schenkung an das Exilmuseum: Die Emigrantenporträts von Stefan Moses.
Foto: Stefan Moses
Das Exilmuseum Berlin befindet sich im Aufbau. Schirmherrin des Projekts ist die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Träger die Stiftung Exilmuseum Berlin. Gründungsdirektor ist Christoph Stölzl, kuratiert wird das Museum von Cornelia Vossen. Als freier wissenschaftlicher Berater konnte der Exilforscher Claus-Dieter Krohn gewonnen werden.Für das Museum wird derzeit vom Standort Fasanenstraße 24 und einer Eröffnung im Jahr 2020 ausgegangen. Kooperationen mit bereits existierenden Institutionen und Archiven zum Thema Exil sind angestrebt. Die dreijährige Vorbereitungszeit wird von Bernd Schultz finanziert: Als langjährigem Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter der Villa Grisebach ist ihm das Schicksal der deutschen Exilanten als Lebensweg von Menschen und Kunstwerken immer wieder begegnet, es hat ihn nachhaltig geprägt. So entstand seine Idee, die Stiftung Exilmuseum Berlin zu gründen. Der folgende Text stellt eine erste Vision dessen vor, was das neue Museum leisten soll.

Das Exilmuseum ist ein sehr persönlicher, intimer Ort, den man nicht so leicht vergessen wird, wenn man einmal den Weg dorthin gefunden hat. In Bildern, Tönen und Texten, in multimedialen, szenografisch gestalteten Rauminstallationen, in Filmen und der Begegnung mit originalen Objekten wird ein historisches Faktum, von dem man in groben Umrissen wusste, wieder unmittelbar erfahrbar. Das EXILMUSEUM will berühren und schockieren. Aus Statistiken und abstrakten Lexikongrößen werden Lebensgeschichten. Der Sine-ira-et-studio-Abstand zur Geschichte verschwindet, und plötzlich sind wir im Dialog mit echten Menschen, nehmen teil an ihrem Leiden, ihren Kämpfen, ihren tapfer errungenen Erfolgen. Und wir lernen: Die deutsche Emigration während der NS-Zeit ist nicht eine ferne Saga, sondern ein Drama, das uns nahe ist und noch heute etwas angeht. Nationalismus, Kriege und Bürgerkriege zwangen und zwingen weiterhin unzählige Menschen zum Exodus. Was können wir aus der Geschichte für das Heute lernen?

Das Exilmuseum erzählt vom Schicksal und den Schicksalen der deutschen Emigration im Bewusstsein, dass das Jahrhundert des Exils noch immer kein Ende gefunden hat. Eine große filmische Erzählung stellt das Exil der NS-Zeit zu Beginn des Rundgangs in einen größeren, historischen Zusammenhang und sensibilisiert für die Folgen von Vertreibung, Emigration und Exil. Was hat sich im 20. Jahrhundert verändert, dass überhaupt von einem »Jahrhundert des Exils« gesprochen werden kann und Flucht und Entwurzelung zu zentralen Erfahrungen unserer Zeit wurden? Die filmische Erzählung zu diesem Thema bildet die Klammer für die gesamte Ausstellung. Sie ermöglicht, im Anschluss daran motivisch und themenorientiert vorzugehen und so emotional näher an das Thema heranzukommen.

Im Exilmuseum lernt man anhand der »Momentaufnahme 1930« zu begreifen, was verloren ging. Eine große multimediale Inszenierung bietet eine faszinierende Zusammenschau jener Menschen, die kurze Zeit später aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik vertrieben wurden. Man begegnet dabei einem »Who´s Who« der modernen deutschen Kultur und staunt: All diese Persönlichkeiten waren Emigranten?

Im Exilmuseum kann man sich entlang eines Pfads durch die Räume auf den Weg ins Exil begeben. Anhand von Exiltexten und zurückhaltend szenografisch inszenierten Stationen können die Besucher die universelle Erfahrung des Exils nachvollziehen. Dabei spüren sie bestimmten Motiven nach: Wie empfanden die zum Verlassen der Heimat Gezwungenen die Entwurzelung? Welche Bedeutung bekamen Dinge, die sie zurücklassen mussten? Wie erlebten sie Abschiede, von denen sie nicht wussten, ob sie für immer waren? Wie fühlten sie sich an den Orten des Transits, in Bahnen, Schiffen und Cafés? Wie in den Mühlen der Bürokratie mit der bangen Hoffnung auf einen Pass, eine neue Identität? Wie beim Warten auf Kredit und Arbeit? Wie erlebten sie die Sprach- und Ortlosigkeit in der Fremde? Wie meisterten sie Ankommen und Assimilation, wie das Scheitern oder Gewinnen? Den Abschluss des Pfads bildet ein Diskurs- und Echoraum, in dem Historiker, Philosophen und Autoren der Gegenwart die Erfahrung des Exils der NS-Zeit reflektieren und sie in einen perspektivischen Zusammenhang mit Exilerfahrungen der heutigen Zeit stellen.

Im Exilmuseum kann man nur kurz verweilen und sich einen Überblick verschaffen, indem man dieser Erfahrung des Exils nachspürt. Man kann dort aber auch viele Stunden mit dem gezielten Suchen nach Menschen und Ereignissen verbringen, kulturhistorische Phänomene nachvollziehen oder den Fokus auf das Betrachten von Ländern und Metropolen legen, die zu Fluchtpunkten für Exilsuchende wurden.

Im Exilmuseum kann der Zugang zu diesen Themen über interaktive Stationen (Karten, Touchscreens mit Auswahlmöglichkeiten), aber auch über Objekte erfolgen. Dies können Originale sein - eine hastig bekritzelte Postkarte zum Abschied, ein Telegramm als Lebenszeichen, ein vielfach gestempelter Pass oder eine Einbürgerungsurkunde, Bücher und Zeitschriften aus Exilverlagen, ein Lohnzettel oder eine Nobelpreis-Urkunde. Es können aber auch Objekte sein, die symbolisch für Erfolge stehen, die die Exilierten in der Fremde erzielten. Jedes dieser Exponate kann zum Anlass werden, tief in Lebensgeschichten einzutauchen. Sparsam und sorgfältig ausgewählt werden sie zu sprechenden Momentaufnahmen.

Das Exilmuseum ist auch ein Ort der Stille, des Gedenkens und Nachdenkens. Die Inszenierung wird nicht laut, sondern leise sein. Nur so entsteht jene Intimität und Nähe, die Raum lässt für die hinter der Geschichte stehenden Geschichten von Menschen. Sie sind die Akteure, Träger und Symbole der Exilgeschichte.

Das Exilmuseum möchte durch die Nahsicht auf das Leben hinter den endlosen Namen der 500.000 in der Zeit des Nationalsozialismus Vertriebenen die moralische Kraft der Erschütterung freisetzen. Es möchte kein Ort der Depression, sondern ein Ort der Energie sein. Es berichtet nicht nur von der »Krankheit Exil«, sondern auch von der Wirkung, die die Exilanten weltweit in den Aufnahmeländern hinterließen, sowie vom maßgeblichen Beitrag der Remigranten beim Aufbau einer demokratischen deutschen Gesellschaft nach 1945. Es erzählt vom länderübergreifenden Ideentransfer, davon, wie Fluchten bis hin nach Shanghai ein globales Denken schuf, das für viele so zuvor nicht vorstellbar war und für uns heute vorbildlich ist. Es erzählt davon, wie das Exil auch Hort der Freiheit, der Humanität und des Widerstands wurde und so eine demokratische Traditionslinie initiierte. Und es zeigt auf, dass und wie Migration in bedeutsamer Weise kulturelle Muster verändert - eine Erkenntnis, die für eine Öffnung der gegenüber heutigen Migranten verschlossenen Herzen sorgen kann.

Im Exilmuseum wird es im Laufe eines Jahresprogramms wechselnde Schwerpunktthemen geben, die es erlauben, besondere Aspekte zu vertiefen oder zeitgenössische Künstler in Dialog mit dem Exil damals und heute zu bringen.

Das Exilmuseum Berlin: ein Ort unvergesslicher Geschichten, ein Ort des Nachdenkens, ein Ort der Empathie. Ein Ort, der den Inhalt des Wortes Exil begreifbar macht und so ein Zeichen gegen Diktaturen setzt.

Christoph Stölzl und Cornelia Vossen
Das Exilmuseum Berlin. Hintergründe und Vision
Aus MuseumsJournal 1/2018, Verlorene Heimat. Erzählen über Exil