2 | 2018 April – Juni

Welcome to Jerusalem

Jerusalem - dieser komplizierten und faszinierenden Stadt widmet das Jüdische Museum Berlin eine große Sonderausstellung. Thematisiert wird darin vor allem die Stadt als Sehnsuchtsort der drei monotheistischen Religionen, die genau deshalb immer wieder ins Fadenkreuz politischer Kämpfe gerät.
 
Irina Lutt, Women of the Wall, Jerusalem, 2017. Fotografie
© Irina Lutt
Das Problem in Jerusalem, so drückte es ein palästinensischer Taxifahrer vor vielen Jahren aus, liege darin, dass zu viele Juden, Moslems und Christen diese Stadt als Vorhof des Himmels ansähen und bereits zu Lebzeiten dort Eintritt begehrten. Und, so könnte man ergänzen, darin, dass sie von Zeit zu Zeit ihren jeweiligen Weg ins ewige Leben mit einem rücksichtslosen Wahrheitsanspruch verbinden, der das gegenwärtige Leben in dieser Stadt nicht gerade einfacher macht. Der heilige Charakter, der Jerusalem zugeschrieben wird, ist Segen und Fluch zugleich: Er bedeutet Ruhm und Einkommen, aber auch Kampf, Besatzung und Zerstörung. Wie keine andere Stadt steht Jerusalem daher für Frieden und Erlösung ebenso wie für Hass und Gewalt.
Dieser komplizierten und faszinierenden Stadt widmet das Jüdische Museum Berlin eine große Sonderausstellung. Thematisiert wird darin vor allem die Stadt als Sehnsuchtsort der drei monotheistischen Religionen, die genau deshalb immer wieder ins Fadenkreuz politischer Kämpfe gerät.
In zehn Abteilungen werden vielfältige Aspekte dieser Zuschreibung an die Stadt Jerusalem aufgegriffen und anhand historischer Exponate, medialer Inszenierungen und künstlerischer Reaktionen präsentiert. Die drei heiligen Stätten der Juden, Christen und Moslems bilden die zentrale Achse der Ausstellung, die den übrigen Themenräumen ihre inhaltliche Bestimmung gibt. Überlieferte und zeitgenössische Architekturmodelle der berühmten Sakralbauten sowie ihnen zugeordnete historische Artefakte werden Bildern von Pilgern und Touristen gegenübergestellt, die heute die Stadt besuchen. Die Pilgerreisen selbst werden ebenso zum Thema gemacht wie die Veränderungen, die Jerusalem im ausgehenden 19. Jahrhundert erfuhr. Der Kreislauf politischer und religiöser Konflikte wird in unterschiedlichen medialen Formaten aufgegriffen, die nicht zuletzt durch eine Kooperation mit der Echtzeit-Dokumentation »24h Jerusalem« von Volker Heise und Thomas Kufus von Zero One möglich wurde.
Jede der drei monotheistischen Religionen schuf in der Stadt monumentale Bauwerke, die bis heute als Heiligtümer verehrt werden. Ihnen widmet sich der zentrale Raum der Ausstellung unter der Überschrift »Die heilige Stadt« mit drei großen Architekturmodellen und entsprechenden medialen Projektionen. Das Modell der Grabeskirche zeigt das Bauwerk im Zustand der Erbauungszeit. Der im Jahr 335 eingeweihte Bau schließt den Golgatha-Felsen und das aus dem Felsen gehauene Grab Jesu in sich ein. Das detailgetreue Modell des muslimischen heiligen Bezirks mit Al-Aksa-Moschee und Felsendom stammt von Conrad Schick aus dem 19. Jahrhundert. Als junger Mann wanderte er von Deutschland ins Heilige Land aus und wurde in Jerusalem ein bedeutender Architekt, Archäologe und Stadtplaner. Weltweit gibt es vom heiligen Areal mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee nur drei Modelle. Das hier präsentierte kommt als Leihgabe aus dem Bibelmuseum in Amsterdam, es wurde ausnahmsweise und nur für diese Ausstellung auf Reisen geschickt. Erstmals wird auch ein nach sorgfältigen Messungen gefertigtes Modell der Klagemauer zu sehen sein, das von Dieter Coellen eigens für die Ausstellung geschaffen wurde. Bei der Klagemauer handelt es sich um die westliche Begrenzung des Plateaus, das aufgeschüttet wurde, um darauf den Tempel zu errichten. Seit der Zerstörung des Tempels durch die Römer ist dies der Ort, an dem die Juden beten.
Dem Tempel selbst und seinem Nachleben wird ein eigener Raum gewidmet. Hier ist die mediale Installation »Augmented Temple« zu sehen, die aktuellste wissenschaftliche Erkenntnisse einbezieht. Sie macht die Besucher mit der Architektur und der Funktion des Herodianischen Tempels in der Antike vertraut. An hohen Feiertagen kamen bis zu 10000 Besucher auf diese größte je von Menschenhand bebaute Fläche. Auf einem mehr als zwei Meter großen Modell werden die Besucherströme und ihre einzelnen Bewegungsabläufe projiziert, durch vier Ferngläser können Besucher einzelne Szenen aus dem Tempelleben nachvollziehen.
Mit Werken zeitgenössischer Künstler erweitert die Ausstellung den Blick auf das gegenwärtige Jerusalem. Mona Hatoum, Gustav Metzger und Fazal Sheikh greifen historische Momente auf, die sie mit ihren eigenen Erfahrungen verknüpfen. Mit unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen haben sie Werke geschaffen, die ästhetisch argumentieren sowie vielschichtig und offen für Deutungen sind. Dies gilt für die konzeptionelle Arbeit »Present Tense« von Mona Hatoum über die Neuvermessung Palästinas nach dem Oslo-Abkommen wie für Gustav Metzgers »Jerusalem, Jerusalem«, das die Doppelgesichtigkeit des Terrors in Jerusalems jüngster Geschichte aufgreift, und auch für den Zyklus »Memory Trace« von Fazal Sheikh, der Erinnerungslandschaften Palästinas zeigt. Daraus werden einige Arbeiten aus dem Jerusalemer Teil gezeigt. Die textile Gebetsweste von Andi Arnovitz, die Videoarbeiten von Yael Bartana und Nira Pereg sowie die Fotoserie zur Siedlungslandschaft um Jerusalem von Wolfgang Strassl ergänzen den künstlerischen Teil. Jerusalem wird aber auch als politisch und religiös umkämpfte Stadt thematisiert, die im Fokus des Israel-Palästina-Konflikts steht. Wie sich der Alltag der Menschen unter diesen Bedingungen gestaltet, erzählen und kommentieren an Medienstationen vier Israelis und vier Palästinenser. Das Material entstammt dem Zero-One-Projekt »24h Jerusalem«. In einer Film-Lounge kann der Besucher zeitsynchron - von 10 bis 20 Uhr - die entsprechenden Teile der Echtzeit-Dokumentation sehen und so von Berlin aus Jerusalem entdecken. Auf diese Weise erhält er einen aktuellen Einblick in das Leben in Jerusalem - einer in jeder Hinsicht bemerkenswerten Stadt.

Klaus H. Teuschler
Welcome to Jerusalem, Jüdisches Museum Berlin, bis Frühjahr 2019
Aus MuseumsJournal 1/2018, Ausstellungen