3 | 2018 Juli – September

Food Revolution 5.0. Gestaltung für die Gesellschaft von Morgen

Wie werden wir zukünftig essen? Wovon werden wir uns zukünftig ernähren in unserer durch schwindende Ressourcen geprägten Wachstumsgesellschaft? Jeder von uns gestaltet mit seinem Essverhalten die Erde mit.
 
Johanna Schmeer
© Johanna Schmeer
Essen ist längst keine Privatsache mehr, sondern ein hochgradig politischer Akt. Lebensmittel sind ein globales Thema, das zugleich ein riesiges Gestaltungspotenzial birgt. Seit einigen Jahren setzen sich immer mehr Designer mit den gesellschaftlichen, kulturellen, ethischen und ästhetischen Implikationen von Nahrung auseinander.
Für die Ausstellung »Food Revolution 5.0« sind 30 Akteure aus aller Welt eingeladen worden, ihre Entwürfe, Ideen und Visionen zur Gestaltung der Transformation unseres Ernährungssystems zu präsentieren. Es sind Statements, die als Best-Practice-Beispiele im Hier und Jetzt funktionieren sowie utopische Projekte, die mögliche Zukunftsszenarien vor dem Hintergrund der Frage: »Was wäre wenn?« entwerfen.
Spekulative Designer wie Paul Gong nutzen die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, um provokante Utopien zu entwerfen und darin das Verhältnis von Mensch und Nahrung neu zu denken. Sein Projekt »Human Hyenas« dreht sich um Transhumanisten und sogenannte »DIY-bio«-Fans, die mithilfe der synthetischen Biologie das Problem der Lebensmittelverschwendung angehen wollen. Neue Esswerkzeuge, die unsere Geruchs- und Geschmacksnerven sowie unser Verdauungssystem manipulieren, könnte es möglich sein, zukünftig auch verdorbene Nahrung zu verzehren. Wir könnten uns derart verändern, dass wir uns dem Essen anpassen und dadurch neue Esserfahrungen schaffen.
Johanna Schmeer möchte mit ihrem Projekt »Bioplastic Phantastic« Debatten darüber anstoßen, welche bio- und nanotechnologischen Erkenntnisse wir in Zukunft in unseren Alltag integrieren wollen. So könnte unsere zukünftige Nahrung ein Hybrid aus Objekt und Organismus sein, der mittels Fotosynthese die Energie produziert, die wir zum Überleben benötigen. »Bioplastic Phantastic« umfasst insgesamt sieben Hybride, die Wasser, Vitamine, Ballaststoffe, Zucker, Fett, Proteine und Mineralien in biologischen Prozessen herstellen und damit eine autarke Lebensform ermöglichen. Die Ästhetik der Hybride spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Sie ist weniger industriell oder laborhaft, sondern versucht, durch ihre Haptik den Verlust der Sinnlichkeit herkömmlicher Lebensmittel auszugleichen.
Die virtuelle Welt gewinnt immer mehr an Bedeutung. Für den Food-Designer Martí Guixé wird daher unsere Nahrung eines der letzten realen Dinge sein, die uns bleiben werden. Sie interagiert mit dem Körper und dient uns als Mittel der Selbstevaluierung und -bestätigung. Das von Guixé entwickelte spekulative Ernährungssystem »Digital Food« ermöglicht eine weitreichende und personalisierte Kontrolle über die Zusammenstellung von Nahrungsbausteinen. Anhand der Analyse individueller medizinischer Daten und des Messens der energetischen, funktionalen und strukturellen Bedürfnisse des Körpers entscheidet ein Algorithmus über die passenden Nahrungsbausteine, aus denen sich das Digital-Food-Objekt zusammensetzen soll. Über ein Interface kann der Nutzer auswählen, welche Aktivität er ausüben möchte und welche Wirkstoffe er demnach benötigt, um die Leistungen zu steigern oder zu reduzieren. Produziert wird das Digital-Food-Objekt im 3D-Drucker.
Hinter dem interaktiven Projekt »Second Livestock« von Austin Stewart steckt die Idee einer virtuellen Realität für Hühner in Legebatterien. Laut Schätzungen der UN wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf circa 9,6 Milliarden Menschen anwachsen. Falls wir Hühner weiter im gleichen Tempo konsumieren wie bisher, stellt sich die Frage, welchen ökologischen Fußabdruck die Aufzucht von 60 bis 100 Milliarden Hühnern nach sich zieht. »Second Livestock« basiert auf der Tatsache, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung in Megastädten lebt und arbeitet. Das Internet bietet immer neue Möglichkeiten, die Grenzen dieses reduzierten freien Lebensraums zu überwinden. Videospiele sind zu immersiven Erlebnissen geworden, und die imitierte Realität erlaubt es uns zunehmend, frei in virtuellen Räumen zu agieren. Warum sollten wir also nicht auch unseren Nutztieren dieselbe Gelegenheit bieten, in einem eingeschränkt realen, aber unendlichen virtuellen Raum zu leben? Das Projekt parodiert diese Idee eines Second Live im virtuellen Raum und lädt sein Publikum ein, die gegenwärtige Tierzucht und -haltung ethisch zu hinterfragen.
Eine Brücke zwischen neuen Technologien und authentischen Praktiken im Lebensmittelanbau und Zucht schlägt die Arbeit »Edible Growth« von Chloé Rutzerveld. Es handelt sich um ein neuartiges Lebensmittel, das aus multiplen Schichten besteht, die einen essbaren Nährboden, Saatkörner, Sporen und Hefen enthalten und mithilfe eines 3D-Druckers hergestellt werden. Nach dem Druck setzen natürliche Prozesse wie Fotosynthese und Fermentation ein. Innerhalb von fünf Tagen reifen kleine Pflanzen und Pilze heran, während die Hefe Feststoffe zu einer Flüssigkeit fermentiert. »Edible Growth« leistet einen Beitrag zu unserem Wohlbefinden und zum Wohl der Umwelt, indem es Technik auf nützliche Weise anwendet und die gesamte Lebensmittelproduktionskette, Transportwege, Lebensmittelabfälle, aber auch CO2 Emissionen reduziert. Zugleich ist der Konsument engagiert und beschäftigt sich bewusst mit dem Essen, das er zu sich nimmt.
Das Projekt »Volumes« der Designerin Marije Vogelzang stellt den Versuch dar, unser Essverhalten und unsere Esskultur zu beeinflussen. Wir neigen dazu, zu viel zu essen, dabei verleiten uns große Teller und große Gläser dazu, mehr zu essen, als wir müssten. Fügen wir unserem Portionen »Volumes« hinzu, so erkennt unser Gehirn mehr Essen, als tatsächlich vorhanden ist. Die Verhaltensforschung hat gezeigt, dass unser Gehirn unsere visuellen Kapazitäten einsetzt, um festzustellen, welche Mengen an Essen wir verzehrt haben.
Mit dem »Livin Farms Hive« kann man sich in der eigenen Küche proteinhaltige Mehlwürmer ganz einfach selbst züchten. Das Projekt, von der Designerin Katharina Unger in Kooperation mit unterschiedlichen Wissenschaftlern entwickelt, richtet sich gegen den Raubbau an der Natur, gegen die Massentierhaltung von Kühen, Schweinen und Hühnern, gegen den Einsatz von Pestiziden bei die Produktion von Futtermitteln und gegen den Einsatz von Antibiotika für die Effizienz und Produktivitätssteigerung von billigem Fleisch. Die Mehlwurmfarm ermöglicht es den Konsumenten, unabhängig von der Industrie Nahrungsmittel zu Hause zu produzieren. Außerdem bietet der Verzehr von Insekten gegenüber Fleisch zahlreiche ökonomische und ökologische Vorteile; und sie sind gesünder: Der Eiweiß-Gehalt von Mehlwürmern ist deutlich höher als der von Fleisch, der Fettanteil deutlich geringer. Neben Eiweiß sind die Mehlwürmer reich an ungesättigten Fettsäuren und enthalten Ballast- und Mineralstoffe. Ihre Zucht bedarf deutlich weniger Wasser: ein Liter pro Kilo Insektenmasse im Vergleich zu 4000 Litern Wasser auf dem Weg vom lebenden Rind bis zum Rindersteak.
Weltweit, auch in Deutschland und in Berlin, entstehen immer mehr Initiativen, die neue, selbstorganisierte und gemeinschaftsgetragene Formen der Lebensmittelversorgung erproben. Diese Initiativen schwimmen gegen den Strom der auf Wachstum ausgerichteten globalisierten Ernährungsindustrie und wirken auf das wichtige und zukunftsweisende Projekt der Essbaren Stadt hin. Dieses reicht von Groß bis Klein, von der vertikale Farm im Wolkenkratzer als über Gemeinschaftsgärten, Bienenfarmen oder Hühnerställe im öffentlichen Raum, von innovativen und kreislauforientierten Küchenkonzepte bis hin zur Indoorfarm und dem Minikompostierer für das Stadtapartment. Ziel ist es, Stadt und Umland wieder zu einer Art lokaler und regionaler Esslandschaft zu fusionieren, in der der Konsument zugleich Produzent ist. In diesem Kontext stehen auch zwei ortsspezifische Projekte im Außenraum des Berliner Kunstgewerbemuseums, die die Besucher zum Verweilen und Miternten einladen: die urbane Streuobstwiese des Stadtplaners und Designers Ton Matton sowie ein essbarer Garten der Landschaftsarchitektin Katrin Bohn und der Planwerkstadt der Technischen Universität Berlin.
Fakt ist - und dies ist zugleich die Hauptthese der Ausstellung »Food Revolution 5.0« -, dass wir unser Ernährungssystem von der Ressource über die Distribution bis hin zur Konsumption radikal ändern müssen. Das Gebot der Stunde lautet, die Politik des Essens neu zu gestalten, und zwar auf allen Ebenen: der ökologischen, der ökonomischen, der sozialen, der moralischen und der ethischen. Konsum, insbesondere der von Nahrung, wird immer stärker zu einer Frage des Gewissens und der Verantwortung.

Food Revolution 5.0. Gestaltung für die Gesellschaft von Morgen
Aus MuseumsJournal 2/2018