2 | 2018 April – Juni

Hello World. Revision einer Sammlung

Welche Werke würde die Sammlung der Nationalgalerie heute möglicherweise umfassen, hätte ein globales Verständnis von Kunst ihren Leitern und damit ihre Genese geprägt? Mit Fragen wie dieser beschäftigt sich das Ausstellungs- und Forschungsprojekt »Hello World. Revision einer Sammlung«. Es markiert den Beginn einer kritischen Untersuchung der Sammlung der Nationalgalerie mit ihrer vorwiegend westlichen Ausrichtung.
 
Konstruktion《コンストルクチオン, 1925
© The National Museum of Modern Art, Tokio (ehem. Sammlung Hama Tokutarō), Foto: Norihiro Ueno
So ist die internationale Anbindung der Sammlung bislang vor allem durch Werke aus Westeuropa und Nordamerika gegeben. Die Arbeit am Projekt erfordert daher einen Perspektivwechsel und konfrontiert alle Beteiligten mit Fragen, die zugleich eine Selbstbefragung des Museums sind: Wie können wir die Sammlung, ihren Kunstbegriff und ihre Entstehung heute aus einem weltoffeneren Verständnis heraus betrachten? Wie wirkt sich dies auf den kunsthistorischen Kanon und seine Narrative aus? Vor welche Herausforderungen stellt eine globale Sichtweise eine Museumssammlung in Zukunft?
Anhand dieser Fragen entfaltet sich die Ausstellung in 13 thematischen Sektionen als eine vielstimmige Zusammenarbeit interner und externer Kuratorinnen und Kuratoren. Die unterschiedlichen Ansätze verfolgen dabei keinen enzyklopädischen Anspruch, sondern begreifen ihre Vielstimmigkeit als Methode. Denn anstatt einen neuen Kanon zu entwickeln, möchte die Ausstellung aufzeigen, dass Kulturproduktion immer ein Produkt des Austauschs und dass jede kulturelle Entwicklung hybrid ist. Daher legt »Hello World« den Fokus auf transnationale künstlerische Netzwerke und auf Momente transkultureller Verflechtungen seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute. Gezeigt werden Gemälde, Skulpturen, Installationen, Videos und Filme aus dem Bestand der Nationalgalerie, die Ausgangspunkte zur Erkundung bislang nicht erzählter Geschichten und neuer Perspektiven auf die Sammlung bilden. »Hello World« wird dafür ergänzt um Exponate aus den Beständen des Ethnologischen Museums, des Museums für Asiatische Kunst, des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatsbibliothek Berlin sowie um internationale Leihgaben. Die Ausstellung zeigt Werke von über 250 Künstlern.
Den Ausgangspunkt für die Erkundung der Welt bilden Exponate aus der Sammlung der Nationalgalerie, die als Institution mit fünf Häusern eine umfangreiche Sammlung von Kunst ab 1800 beherbergt. Das älteste aus der Sammlung gezeigte Werk ist Carl Blechens Palmengarten von 1832/33. Die im Auftrag von Friedrich Wilhelm III. entstandene Studie ist Teil eines Ausstellungskapitels, das die miteinander verwobene Kunstgeschichte indonesischer und europäischer Malerei betrachtet. Vor dem Hintergrund von Orientalismen des 19. Jahrhunderts und touristisch-wirtschaftlichen Interessen der niederländischen Kolonialherren verhandelt der Ausstellungsteil »Ein Paradies erfinden« Diskussionen über eine eigenständige indonesische Malereitradition bis hin zu zeitgenössischen Positionen aus Indonesien. Anhand von Protagonisten wie dem im 19. Jahrhundert in Dresden lebenden javanischen Künstler Raden Saleh (1811–89), der als Begründer der indonesischen Moderne gilt, und dem in den 1920er-Jahren auf Bali lebenden deutschen Künstler Walter Spies (1895–1942) wird dieser kulturelle Austausch zwischen Europa und Indonesien nachvollziehbar.
Über Besuche der japanischen Künstler Tomoyoshi Murayama (1901–77), Yoshimitsu Nagano (1902–68) und Tomoo Wadachi (1900–25) in der Berliner Galerie »Der Sturm« kam es Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer weiteren und – wie sich herausstellen sollte – weitreichenden transnationalen Vernetzung der Avantgarden. Während die Nationalgalerie in den 1920er-Jahren hauptsächlich deutschen Expressionismus ausstellte, fand ein reger Austausch der Berliner Dadaisten mit der japanischen Mavo-Gruppe statt. Die künstlerischen Ansätze, die sich in Japan durch die Auseinandersetzung mit europäischen Kunstströmungen entwickelten, sprengten die Konventionen der Kunst, wie der Ausstellungsteil »Plattformen der Avantgarde« aufzeigt.
Zu den jüngeren Werken innerhalb der Ausstellung zählt eine Installation der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrč (geboren 1953), deren Kunst die Bedeutung architektonischer Strukturen für die sozialen Gefüge in Städten verhandelt. »Caracas: Growing Houses« nimmt die Bauweise in den »Barrios« der Hauptstadt Venezuelas auf, die geprägt ist von improvisierten Lösungen zur Versorgung mit Elektrizität und Wasser und der ganz individuellen Gestaltung der Behausungen.
Ebenso findet die bislang wenig beachtete Geschichte der Skulptur »Venus Negra« von Marina Núñez del Prado (1910–95) – einer der bekanntesten Künstlerinnen Boliviens– aus dem Jahr 1958 Eingang in die Ausstellung. Dieses Werk, das 1972 als Schenkung in die Sammlung der Nationalgalerie gelangte, stellt darin einen absoluten Solitär dar und provoziert daher gleichsam die Frage: Wie könnten die Bestände der Nationalgalerie heute aussehen, hätte man diese Schenkung zum Anlass genommen, sich weitergehend mit der Moderne Boliviens zu beschäftigen?
Vor dem Hintergrund von Fragen wie dieser wird die Relevanz des Begriffs einer »retrospektiven Vision« deutlich, mit der die Ausstellung entwickelt wurde. »Hello World« befragt die Sammlung der Nationalgalerie erstmals explizit nach ihrer eurozentrischen Prägung und stellt so zur Diskussion, wie sich eine Museumssammlung heute neu verorten kann. Solche Reflexionen gilt es fortzuführen.

Julia Korsukéwitz
Hello World. Revision einer Sammlung, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Aus MuseumsJournal 2/2018, Ausstellungen