3 | 2018 Juli – September

Kaiserdämmerung. Das Neue Palais 1918 zwischen Monarchie und Republik

Vor 100 Jahren, im November 1918, endete mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. die preußische Monarchie. Der Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs hatte weitreichende Folgen für Gesellschaft und Politik sowie für die ehemals königlichen Schlösser und Gärten.
 
Die kaiserliche Familie auf den Stufen des Neuen Palais, 15. Juni 1913.
© Sammlung Kirschstein. Foto: von Niederastroth, Atelier Selle und Kuntze
Das Neue Palais war neben dem Berliner Schloss der bevorzugte Wohnsitz des Kaisers. Bereits ab 1889 hielt sich Wilhelm II. mit seiner Familie und dem Hofstaat mehrere Monate im Jahr in dem von Friedrich dem Großen erbauten Schloss auf. Nebengebäude wie der Neue Marstall sowie ein Post- und Telegrafenamt wurden errichtet, die Schlossräume den modernen Anforderungen eines kaiserlichen Wohnsitzes angepasst sowie zahlreiche technische Einrichtungen installiert. Auch während des Ersten Weltkriegs blieb das Neue Palais der bevorzugte Aufenthaltsort des Kaisers und seiner Gemahlin Auguste Viktoria. In den Tagen der Novemberrevolution 1918 wurde es zu einem Hauptschauplatz des Übergangs von der Monarchie zur Republik.
Während sich Wilhelm II. jedoch im November 1918 im Großen Hauptquartier im belgischen Spa aufhielt, blieb seine Ehefrau Auguste Viktoria bis Ende November im Neuen Palais. Am Tag nach der Ausrufung der Republik schildert die Monarchin ihre Empfindungen gegenüber ihrer Schwester Caroline Mathilde folgendermaßen: »noch geht es mir hier gut körperlich, aber was man mit dem Herzen durchmacht in Leid und Kummer, das läßt sich nicht sagen. Mein armer Wilhelm, wenn ich erst mit ihm vereint wäre, ließe es sich besser tragen.«
Am Abend des 8. November 1918 hatte der Kaiser den Befehl erteilt, dass sich seine Kinder in das Neue Palais zu begeben hätten, um der dort wohnenden Kaiserin Schutz zu bieten. Obwohl das Schlossareal abgeriegelt war und von Truppen der Potsdamer Garnison bewacht wurde, hatte die Hofverwaltung einen Plan zur Sicherheit der Hohenzollern-Familie ausgearbeitet. Bei einem Angriff auf das Neue Palais sollte die Kaiserin im südlichen Commun Schutz suchen; um unerkannt dorthin zu gelangen, sollte sie den quer unter dem Ehrenhof entlang führenden, geheimen Gang benutzen.
Am Vormittag des 9. November 1918 hatte Reichskanzler Max von Baden die Abdankung Wilhelms II. verkündet. In den Mittagsstunden dieses Tages wurde die Standarte der Kaiserin von Angehörigen des Arbeiter- und Soldatenrates von der Kuppel des Kolonnadenbogens gegenüber dem Neuen Palais eingeholt. Dieser Akt war das erste sichtbare Zeichen der Zeitenwende auf dem sonst ruhigen Schlossareal am westlichen Rand des Parks Sanssouci.
Die Ausstellung umfasst 15 Stationen, die in den Besucherrundgang integriert sind. Briefauszüge, Listen der Einrichtungsgegenstände, die ins holländische Exil transportiert wurden und Fotografien, sowie bedeutende Leihgaben aus dem niederländischen Exilort Haus Doorn vermitteln am authentischen Ort Stimmungsbilder. Es war eine dramatische Phase, in der die Koffer gepackt, über Kunstwerke verhandelt, der Hofstaat versorgt und das Schlossleben neu organisiert werden mussten.
Bei der Herausgabe der Einrichtungsgegenstände aus den preußischen Schlössern zeigte sich die neue preußische Staatsregierung großzügig. In den Jahren 1919 und 1920 wurden sechs Transporte mit Kunst- und Haushaltsgegenständen aus dem Berliner Schloss, dem Schloss Bellevue und dem Neuen Palais in die Niederlande verbracht. Die Freigabe des Vermögens war auf Grundlage der Verordnung vom 28. November 1918 erfolgt, in der Wilhelm II. seinen Thronverzicht in der Erwartung vollzogen hatte, dass der Staat große Teile des Vermögens freigeben werde. Im Einzelnen bestanden die Transporte aus 36 Möbelwagen, die auf 33 Eisenbahnwaggons verladen wurden. Hinzu kamen 30 Waggons mit Kunstwerken, wie Gemälden, Porzellan und Silber. Eine zweite und noch viel umfangreichere Welle des Verlusts an Inventar hatte das Neue Palais im Oktober 1925 zu verzeichnen. Der Vertrag der Vermögensauseinandersetzung zwischen dem preußischen Staat und dem vormaligen Königshaus legte fest, dass dem Haus Hohenzollern alle von Wilhelm II. erworbenen Gegenstände, alle Objekte von familiengeschichtlichem Wert sowie persönliche Gebrauchsgegenstände überlassen werden. Die Anzahl der Gegenstände, die das Neue Palais im Herbst 1925 verließen, übertraf die Zahl der 63 Eisenbahnwaggons aus den Jahren 1919 und 1920 bei Weitem.
Die Relikte der kaiserlichen Nutzung im Neuen Palais werden in der Ausstellung hervorgehoben oder erstmals gezeigt und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit den Veränderungen 1918 kommentiert. So kehren beispielsweise als Leihgaben aus Haus Doorn einige Uniformen Wilhelms II. an die erhaltenen, original beschrifteten Garderobenhaken zurück. Auch der neubarocke Schreibtisch des Monarchen wird 100 Jahre nach seinem Abtransport aus dem Neuen Palais wieder im ehemaligen Arbeitszimmer des Kaisers aufgestellt. Der große »Juwelenschrank« der Kaiserin, Möbelstücke und ein Gemäldezyklus beleuchten die verschiedenen Aspekte der Vermögensauseinandersetzung. Kaiserliches Porzellan, Brotmarken des »Steckrübenwinters« für die hungernde Bevölkerung sowie ein von Revolutionären beschädigtes Porträt Kaiser Wilhelms II. zeugen anschaulich von den dramatischen Umbrüchen dieser Zeit.
Acht Jahre lang dauerten die Verhandlungen, in denen die Besitzverhältnisse zwischen dem früheren Königshaus und dem preußischen Staat neu geregelt wurden. Schließlich wurde ein Gesetz verabschiedet, das unter anderem die Gründung der »Preußischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten«, Vorläuferin der heutigen »Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg«, zum 1. April 1927 festlegte. Die Abdankung des Kaisers bedeutete für die Nutzung des Neuen Palais eine Zäsur: Aus Königsschlössern wurden Museen für Jedermann.

Jörg Kirschstein
Kaiserdämmerung. Das Neue Palais 1918 zwischen Monarchie und Republik, Neues Palais, 16. Juni bis 12. November 2018
Aus MuseumsJournal 3/2018, Ausstellungen