4 | 2018 Oktober – Dezember

ABC des Reisens. 150 Jahre Kunstbibliothek

Selbstbewusst stehen sie da mit ihren Kompassen, die vier Seefahrer in Theodor de Brys Kupferstich von 1596: Es sind Ferdinand Magellan, Christoph Kolumbus, Amerigo Vespucci und Francisco Pizarro, die das Ergebnis ihrer Entdeckungsreisen in die Neue Welt präsentieren - eine der frühesten Weltkarten, auf der Amerika abgebildet ist.
 
Theodor de Bry, Americae pars sexta sive historiae ab Hieronymo Bezono Mediolanese scriptae, Frankfurt am Main 1596. Kolorierter Kupferstich in Buch, 35,7 x 51 cm. Kunstbibliothek.
© Kunstbibliothek SMB. Foto: Dietmar Katz
Direkt über dem Buch de Brys mit diesem wertvollen Stich hängt in der Ausstellung ein von Max Brandstrup gestaltetes Plakat, das den Globus von der anderen Seite zeigt, mit Blick auf die Nordkapregion. Es wirbt für »Vergnügungs- und Erholungsreisen zur See«, die um 1900 von der »Hamburg-Amerika-Linie« angeboten wurden. Zwei Bilder mit augenscheinlichen Parallelen: Es geht um das Reisen auf dem Meer, den Seeweg als Verbindung zwischen den Kontinenten und deren Darstellung auf Landkarten. Doch der Dialog greift tiefer. Beide Objekte wurden zur Vervielfältigung hergestellt, zum Verbreiten einer Botschaft. Und beide sind Zeugnisse eines aus Neugier geborenen menschlichen Drangs, fremde Regionen der Erde zu erkunden. Zugleich hat sich in den fast 300 Jahren, die zwischen Buch und Plakat liegen, das Weltbild ebenso drastisch verändert wie die Funktion und die Modalitäten des Reisens. Es ist ein großer Schritt von der Expedition mit dem Segelschiff ins Unbekannte, gewagt von einzelnen Abenteurern, Forschern und Kolonialisten, zur bequemen Kreuzfahrt in gut erschlossenem Terrain für Urlaubergruppen. Dazwischen liegen das Zeitalter der Entdeckungen und der Reiseberichte, die Entstehung der Kulturreise rund um die »Grand Tour« und die Erfindung massentauglicher Verkehrsmittel im Zuge der Industrialisierung.
Diese und zahlreiche andere Aspekte des Reisens finden sich in der Ausstellung wieder. Anlässlich ihres 150-jährigen Jubiläums hat sich die Kunstbibliothek selbst auf Entdeckungsreise in ihre vielfältigen Sammlungen begeben und rund 250 Objekte zum Thema »Reise« zusammengestellt - ein zentrales Motiv in Literatur und Kunst, das auch die hiesigen Bestände in unterschiedlichsten Formen durchzieht. Zeichnungen, Veduten und Reiseskizzenbücher aus der Architektursammlung treffen auf rare Buchdrucke aus der Bibliothek und multimediale Varianten von Reisealben. Die Fotografie bewegt sich zwischen Souvenir und Dokumentation, während die Sammlung Modebild neben Drucken, Entwürfen und Fotos zu Reisemoden auch mit Trachtenbüchern und Karikaturen aufwartet. Im Grafikdesign ist die Reisethematik in Plakaten, Speisekarten, Kofferaufklebern, Reklamemarken und anderen Alltagsdrucksachen vertreten. Die Sammlung Buchkunst steuert Illustrationen und Künstlerbücher bei. So eröffnet sich ein Reisepanorama, das fünf Jahrhunderte umspannt: von mittelalterlichen Pilgertouren nach Jerusalem über Bildungsreisen des 17. und 18. Jahrhunderts bis hin zum plakativ beworbenen Massentourismus des 20. Jahrhunderts.
Hinter der medialen Vielfalt und zeitlichen Reichweite steht ein zentrales Element, das die Exponate eint: Es sind Werke der angewandten Künste - hergestellt zwecks und mittels Reproduktion oder als Vorlagen zur praktischen Gestaltung. Und als solche sind sie verknüpft mit der Ursprungsgeschichte der Kunstbibliothek, die 1868 mit der Unterrichtsanstalt des neu gegründeten Deutschen Gewerbe-Museums Räume in Berlins Mitte bezog. Man sammelte dort grafische (später auch fotografische) »Vorbilder«, die Architekten, Stuckateuren, Möbeldesignern, Schriftgestaltern und anderen kunstgewerblich Tätigen als Inspiration dienen sollten. Nicht selten kam die Anregung aus anderen Regionen, Ländern und Kulturkreisen, war also verbunden mit dem Reisen. Dass Reisebilder aus angewandten Kontexten auch mediale Entwicklungen und praktische Realitäten beleuchten, macht sie zu vielschichtigen historischen Dokumenten und faszinierenden Exponaten.
Die Ausstellung präsentiert sich in Sektionen entlang zentraler Begriffe zum Reisen - von »A wie Album« bis »Z wie Ziel«. Unter »B wie Bericht« etwa finden sich Reiseberichte von Jaques de Bourges' Chinareise 1671 oder Melchior Lechters Indien-Tagebuch von 1912. Der topografischen Welterschließung bei »C wie Cartographia« stellt »N wie Nationen« ein Ordnungssystem nach regionalen Typen entgegen, in dem barocke Spielkarten, Trachtenbücher des 17. Jahrhunderts und Bilderbögen nationale Erscheinungsbilder visualisieren. Wie Reisen mit verkehrstechnischem Fortschritt und Mobilität einhergeht, zeigen grafische und fotografische Werke rund um »D wie Dampfschiff«, »E wie Eisenbahn« und »F wie Flugreise«. »J wie Jetset« beschreibt das mondäne Lebensgefühl der ersten Vielflieger, und in »T wie Tourismus« fangen Reiseplakate von 1880 bis heute Sehnsuchtsmotive ein. Erfundene Reisen - eines Münchhausen oder Jules Verne beispielsweise - stehen im Blickpunkt von »I wie Imagination«, während »V wie Virtuell« mit Reisebildern für Diaskop, Stereoskop und Diorama die Vorläufer des Virtual Travel vorstellt. Am Ende des Alphabets stellt ein NASA-Plakat die Frage, ob der Weltraum das Reiseziel der Zukunft sein wird.

Christina Thomson
ABC des Reisens. 150 Jahre Kunstbibliothek, Kunstbibliothek, 20. September 2018 bis 6. Januar 2019
Aus MuseumsJournal 3/2018, Ausstellungen