3 | 2018 Juli – September

Liebe im Kürbis. Erotisches aus dem Reich der Mitte

»Sharing heritage« - das Kulturerbe bewahren, so heißt das diesjährige Motto der Europäischen Kommission, dem sich auch die Ausstellung »Bewegte Zeiten - Archäologie in Deutschland« (Journal S. 16 ff.) verpflichtet fühlt. Sie bietet eine umfangreiche Bestandsaufnahme der deutschen Archäologie und zeigt u.a., wie es der Mensch in der Vergangenheit mit dem Aufbau verzweigter Handels- und Kommunikationsnetze verstanden hat, auch an der Peripherie am Fortschritt teilzuhaben.
 
Blick in das Innere des chinesischen Porzellankürbisses, um 1700. Länge 11,7 cm, Durchmesser Kürbis 5,9 cm, Höhe: 3,2 cm
© Museum für Vor- und Frühgeschichte SMB Foto: Claudia Pamp
Gerade archäologische Ausgrabungen bringen dabei neue und oft überraschende Einsichten in diese sehr dynamischen Prozesse und verdeutlichen, dass Globalität nicht erst ein heutiges Phänomen ist.
Eines der größten Berliner Ausgrabungsprojekte der vergangenen Jahre wurde inmitten des alten Stadtkerns durchgeführt, dessen Grundriss durch die bereits im 19. Jahrhundert einsetzenden großräumigen Veränderungen für den Laien kaum noch auszumachen ist. 2009 bis 2016 bot der Ausbau der U-Bahnlinie 5 unmittelbar vor dem Roten Rathaus den Archäologen des Landesdenkmalamts die einmalige Gelegenheit zur Erforschung eines großen zusammenhängenden Bereichs der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadt. Es handelte sich um ein Areal beiderseits der Rathausstraße zwischen ehemaliger Heiligegeiststraße und Hohem Steinweg/Jüdenstraße. Die Rathausstraße, die 1701 bis 1951 Königstraße hieß, weil König Friedrich I. nach seiner Krönung auf ihr in die Stadt eingezogen war, wurde im Mittelalter als Oderberger Straße bezeichnet. Sie war nicht nur die zentrale innerstädtische West-Ost-Achse, sondern als Bestandteil einer Fernroute, die über Oderberg zum Ostseehafen Stettin führte, von überregionaler Bedeutung. Entsprechend begehrt waren die Grundstücke, in der Barockzeit befand sich dort neben zwei Adelspalais - dem Palais Katsch und dem Palais Grumbkow - auch eine Reihe nobler Wohnhäuser hoher staatlicher Beamter und Angehöriger der Stadtverwaltung. Seit ca. 1300 war hier nicht zuletzt auch der Standort des mittelalterlichen Rathauses mit der Gerichtslaube, ein majestätischer Backsteinbau, der bis zum Abriss 1865 mannigfach verändert worden war. Seine Bau- und Nutzungsgeschichte konnte durch die Ausgrabung entscheidend erhellt werden.
Weniger im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber kaum weniger spannend war die Untersuchung der Vorderareale von 19 Bürgerhäusern an der Rathausstraße. Aus einer Abfallgrube des Grundstücks Nr. 60 kam ein außergewöhnliches Fundstück zutage. Es handelt sich um eine zierliche bemalte Porzellanplastik, die einen Kürbis mit abnehmbarem Blütendeckel in Émail-sur-biscuit-Technik darstellt. Im Innern kann man en miniature ein Pärchen beim Liebesspiel entdecken. Das Stück hatte eine weite Reise hinter sich. Es stammt aus China und wurde zur Zeit des Kaisers Kangxi (Regierungszeit 1661-1722) hergestellt. Dort wurden solche Plastiken gerne zur Hochzeit überreicht, weil sie Fruchtbarkeit, zahlreichen Nachwuchs und dauerhaftes Eheglück verhießen. Vergleichbares Porzellan dieser Epoche ist nur aus wenigen anderen europäischen Sammlungen bekannt, so ein Gefäß in Form einer Lotusblüte aus dem Keramiekmuseum Princessehoff im niederländischen Leeuwarden.
Doch auf welche Weise mag die Plastik nach Berlin gelangt sein? Hier müssen wir uns ins Reich der Vermutungen begeben. Ob die Vita des damaligen Grundstücksbesitzers einen Hinweis liefert? Von 1693 bis zu seinem Tod 1723, also im Zeitraum, als unsere Preziose vermutlich hergestellt wurde bzw. in Umlauf kam, gehörte das Haus dem Geheimen Kriegs- und Domänenrat Johann Andreas von Kraut (1661-1723). Dieser war unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohn Friedrich III. (ab 1701 König Friedrich I.) als Manufakturbesitzer und Kapitalunternehmer zu beträchtlichem Vermögen gelangt. Beide Landesregenten und ihre Frauen waren in die Chinamode vernarrt und unterhielten umfangreiche Ostasiatika-Sammlungen und schließlich auch Porzellankabinette in ihren Schlössern. Ihre Lebensweise war für höfische Beamte wie Johann Andreas von Kraut vorbildhaft. Dieser unterhielt außerdem als Unternehmer Verbindungen in europäische Metropolen, so auch nach Amsterdam. Die Niederlande waren damals das Tor für den kontinentalen Handel mit den heißbegehrten Porzellanen aus China, die in großen Mengen von der Vereinigten Ostindischen Kompanie geliefert wurden. Möglicherweise kursierten solche Preziosen auch als Anschauungsstücke unter dem Hochadel. So lässt sich in der Sammlung des sächsischen Kurfürsten August des Starken die Skulptur eines farbig bemalten Hahnes mit einer nahezu identischen Darstellung eines kopulierenden Paares nachweisen. Neben einem gezielten Ankauf könnte unser Erotikon aber auch das Geschenk eines Geschäftspartners oder Freundes sein. Dass das wertvolle Objekt schließlich auf dem Müll landete, ist vielleicht dem veränderten Zeitgeist sowie den puritanischen Wertvorstellungen der Erben Johann Andreas von Krauts geschuldet. Diese mussten das Grundstück nach von Krauts Tod verkaufen, nachdem dieser posthum vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. zur Persona non grata erklärt und sein Vermögen beschlagnahmt worden war.
Aus besagter Abfallgrube wurden noch weitere chinesische Porzellane geborgen, darunter zwei kleine Trinkgefäße. Aus ihnen ließen sich stilecht die neuen Modegetränke Kaffee, Tee oder Schokolade schlürfen. Die unter Glasur in Kobaltblau bemalten henkellosen Becher und ihre Unterschälchen waren besonders beliebt, und Reste davon sind bei verschiedenen Stadtkerngrabungen in Deutschland aufgetaucht.
Die Porzellane aus der Königstraße werfen ein Schlaglicht auf den weitreichenden Handel mit Luxusgütern um 1700. Der europaweite Bedarf an weißem Gold war eine wichtige Triebfeder im Fernhandel und setzte manche Investition und Innovation frei. Zwar war es noch ein weiter Weg bis zur Produktion eines eigenen preußischen Porzellans, dessen Anfänge in Berlin in das Jahr 1751 zurückreichen, und so manches chinesische Gefäß musste noch teuer erstanden werden. Doch behalfen sich Adel und sogar mittlere und niedere Einkommensschichten, die sich Porzellan nicht leisten konnten, seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vermehrt mit kunstvollen Fayencen, weißen, zinnglasierten und meist blau bemalten Keramiken. Diese wurden anfangs vor allem aus den Niederlanden, z.B. aus Delft, eingeführt, ab 1678 aber auch mit staatlicher Unterstützung in Manufakturen im eigenen Land hergestellt. Die häufig mit chinesischen Motiven dekorierten Trink- und Essgeschirre waren noch bis weit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts populär. Die Porzellan- und Fayencegefäßreste, die bei den Ausgrabungen entdeckt wurden, stellen anschauliche Hinterlassenschaften einer sinnenfreudigen Chinamode während der Barock- und Rokokozeit dar und sind zugleich Ausdruck einer neuen Tafelkultur.

Bertram Faensen
Liebe im Kürbis. Erotisches aus dem Reich der Mitte
Aus MuseumsJournal 3/2018, Fenster in die Vergangenheit