1 | 2020 Januar – März

Von all den Künstlern warst nur Du mir lieb wie ein Freund. August Gaul zum 150. Geburtstag

Über keinen Künstlerkollegen hat Käthe Kollwitz in ihren Tagebüchern so persönlich geschrieben wie über den Bildhauer August Gaul (1869-1921). Annähernd gleich alt, kannten sich beide Künstler seit den ersten Ausstellungen der Berliner Secession um 1900.
 
August Gaul, Löwin, 1899-1900. Bronze, 113,5×195 cm. Museen der Stadt Hanau. Foto: Archiv der Autorin
Durchaus kritisch sah Kollwitz den zurückhaltenden August Gaul zwar in der Jurierung von Ausstellungen, vertraute sich ihm aber an, als sie bei ihrer großen plastischen Arbeit zum Gedenken an ihren 1914 gefallenen Sohn Peter auf technische Probleme stieß. Rückblickend blieben ihr vor allem seine Güte und seine Geduld im Gedächtnis. Anlässlich seiner Beerdigung im Oktober 1921 schrieb sie: »Ein so freundliches Licht, wie aus Deinen Augen kam, habe ich selten bei Andern gesehen.« Und zur Eröffnung seiner Gedächtnisausstellung in der Akademie der Künste 1922 notierte sie: »Lieber August Gaul - mit Deinem schalkhaften Lachen und Deinen guten Augen.« In Anspielung auf seine Freundlichkeit und sein fast gänzlich auf die Tierplastik konzentriertes Werk verglich sie ihn gar mit Franz von Assisi.
Damit traf sie den wahren Kern des Künstlerkollegen sicherlich nicht ganz, denn der freundliche August Gaul wusste sich durchzusetzen, war finanziell erfolgreich und pflegte einen regen gesellschaftlichen Umgang. Im Gegensatz zu den Arbeiten mit menschlich-existenziellen Themen der Grafikerin Kollwitz widmeten sich die plastischen Werke August Gauls vornehmlich den formalen Problemen einer modernen Bildhauerei. Mit der vermeintlich simplen Tierplastik war es August Gaul möglich, neue Wege zu beschreiten und die dreidimensionale Kunst in die Moderne zu führen.
Bereits als junger Künstler zeigte sich Gaul desinteressiert an den akademischen Traditionen der Tierbildhauerei mit ihren mythologischen oder heraldischen Konnotationen. Seine bevorzugten Motive reizten ihn vor allem unter künstlerischen Aspekten. Den Körper im Raum mit seinen Bewegungen galt es für ihn bildhauerisch zu bewältigen. Er entwickelte dafür die eigene Bildsprache von den malerischen Anfängen hin zu reduzierten, summarischen Formen. Von der verspielten Löwenmutter mit ihren Jungen aus dem Jahr 1897 zur ruhig stehenden Löwin von 1899-1900 vollzog sich ein entscheidender Wandel im Verständnis von Plastik. Erzählerisches und Detailreiches gab August Gaul zugunsten einer verknappten, präzise erfassenden Formidee auf. Die Figur als Empfindungsträger ließ er unangetastet, unterzog sie aber einer Abstrahierung, die von der Naturnähe fortführte und neue Sehgewohnheiten einforderte.
Mit seiner formal wie inhaltlich neuen Auffassung vom Tiermotiv war August Gaul zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Sammlern der Moderne ein begehrter Künstler; im öffentlichen Raum scheiterte er jedoch regelmäßig am Unverständnis der akademisch besetzten Entscheidungsgremien. Einige seiner heute noch auf Straßen und Plätzen zu findenden Brunnen konnten nur mithilfe privater Auftraggeber realisiert werden. So geschehen in Krefeld mit dem Schwanenkükenbrunnen, in Charlottenburg mit dem Entenbrunnen vor dem Renaissance-Theater oder in Leverkusen mit dem Elefantenbrunnen einer Werkssiedlung. Die Nobilitierung von Haustieren wie Schweinen und Enten oder Exoten wie Elefanten und Pinguinen durch eine Aufstellung auf Sockeln fand nur zögerlich Akzeptanz. Da August Gaul sich in der Wahl seiner Tiermotive den Wünschen von Auftraggebern vielfach nicht beugen wollte, eröffnete er auch auf diesem Feld seinen Bildhauerkollegen neue Perspektiven.
Der Künstler befand sich im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen in der komfortablen Lage, von seiner Kunst mehr als auskömmlich leben zu können. Ein großes Verdienst daran kam seinem Galeristen Paul Cassirer zu, der dem jungen Bildhauer ab 1900 ein festes Einkommen bei gleichzeitigem Alleinvertretungsrecht einräumte. Für beide Seiten erwies sich dieser Vertrag als erfolgreich, sodass Galerist und Künstler bis zum frühen Tod August Gauls geschäftlich verbunden blieben. Paul Cassirer stellte anfänglich die Kontakte zu den großbürgerlichen Sammlern her, die den Künstler bald auch gesellschaftlich in ihre Mitte aufnahmen. Ob bei Johannes Guthmann in Neu-Kladow, bei Eduard Arnhold und Franz Oppenheim in Wannsee oder Lili und Felix Deutsch in Tiergarten: Überall war August Gaul ein gern gesehener Gast.
Bald bildeten der Galerist und der Bildhauer ein kongeniales Paar, das als »Paulchen und Gaulchen« legendär wurde. Beide waren ernsthaft um einen qualitätsvollen Standard der Kunst bemüht. August Gaul setzte mit seiner kunsthandwerklichen Ausbildung ein hohes Niveau bei seinen Bronzefiguren durch. Um die exquisite Ausführung bei jedem Guss gewährleisten zu können, begannen Cassirer und Gaul, Auflagen zu begrenzen und zu nummerieren. Leider wurde dieser erste Versuch eines kontrollierten Umgangs mit Auflagenobjekten nach dem Tod des Künstlers von seinen Erben durch eine ungehemmte Gusstätigkeit aufgegeben.
Um heute die Qualität des Werks von August Gaul würdigen zu können, sind von ihm autorisierte Plastiken bedeutsam, die sich in großer Zahl in der Sammlung der privaten Zwillenberg-Stiftung Bern befinden. Das Käthe-Kollwitz-Museum kann anlässlich des 150. Geburtstags des Bildhauers eine Auswahl präsentieren.
Begründet wurde diese Sammlung in den 1910er-Jahren von Hugo Zwillenberg (1889-1966), Justiziar des Kaufhauskonzerns Hermann Tietz. Seine Familie hatte 1927 eine Villa in Berlin-Dahlem, unweit des Ateliers von August Gaul, bezogen. Zwillenbergs Kollektion umfasste über einhundert Plastiken, darunter etliche Unikate und rare Stücke. Über den gesamten Schaffenszeitraum, von der Groß- bis zur Kleinplastik, vom Gipsentwurf bis zum perfekt ziselierten, polierten und teilvergoldeten Bronzeguss, verfolgt diese Sammlung den Anspruch, das Gesamtwerk des Künstlers abzubilden.
1939 musste die Familie Zwillenberg Berlin verlassen und ging ins Exil nach Holland. Ihre Kunstsammlung überstand den Krieg im Freihafen von Amsterdam.
Seit über 80 Jahren waren die Exponate der Sammlung Zwillenberg nicht mehr in Berlin zu sehen. Nun sind sie für einen kurzen Besuch in ihre alte Heimatstadt zurückgekehrt.

Josephine Gabler
Von all den Künstlern warst nur Du mir lieb wie ein Freund. August Gaul zum 150. Geburtstag, Käthe-Kollwitz-Museum, bis 26. Januar 2020
Aus MuseumsJournal 1/2020, Ausstellungen