1 | 2020 Januar – März

Karl Hagemeister: »…das Licht, das ewig wechselt«. Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus

Im Einklang mit der Natur leben und aus dieser Symbiose das künstlerische Werk schöpfen, das kennzeichnete Karl Hagemeisters (1848–1933) Werdegang. In die Kulturlandschaft Brandenburgs hineingeboren, gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der progressiven Künstlervereinigung Berliner Secession und zählte zu den frühesten Vertretern der Landschaftsmalerei, die den Impressionismus in Deutschland prägten.
 
Karl Hagemeister, Wiesenstück, 1906. Öl auf Leinwand, 71×111 cm. Potsdam Museum. © Potsdam Museum. Foto: Michael Lüder
Das Potsdam Museum würdigt das bedeutende Vermächtnis Hagemeisters mit einer umfassenden Retrospektive, die in Kooperation mit dem Museum Georg Schäfer Schweinfurt und dem Kunstmuseum Ahrenshoop konzipiert wurde. Die Potsdamer Ausstellung bildet den Auftakt der über zwei Jahre dauernden Sonderausstellungsreihe an den drei Museumsstandorten. Neben Leihgaben von Ölgemälden, Pastellen und Zeichnungen aus Beständen der Nationalgalerie, des Berliner Kupferstichkabinetts oder des Museums Georg Schäfer wird auch der wertvolle Karl-Hagemeister-Bestand des Potsdam Museums ausgestellt. Noch nie öffentlich gezeigte Werke aus Privatsammlungen konnten für die Werkschau an allen drei Stationen gewonnen werden. Insgesamt 89 Arbeiten werden auf der ersten Präsentation des »Hagemeister-Reigens« zu sehen sein, darunter 18 bedeutende Gemälde weiterer Künstler wie Friedrich Preller d.Ä., Carl Schuch, Francois Daubigny, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt, Lesser Ury oder Walter Leistikow, welche die Entwicklung der modernen Landschaftsmalerei zur Jahrhundertwende veranschaulichen. Öl- sowie Pastellarbeiten ermöglichen die vergleichende Gegenüberstellung des Malers Hagemeister und seiner Zeitgenossen.
»… das Licht, das ewig wechselt« gibt die selbst formulierte künstlerische Auffassung Hagemeisters um 1884 wieder. Sie verdeutlicht die Intention des Malers, Naturphänomene darzustellen – schnell, getreu gezeichnet –, und etwas Nichtfassbares, ja Unbeständiges wie Licht, Wind oder Wolken in seiner Form- und Farbgebung festzuhalten. Es sind die Gedanken eines noch Suchenden, der wie viele moderne Künstler seiner Zeit das unmittelbare Skizzieren in der Natur als bildwürdiges Sujet begriff.
Karl Hagemeister, der als Freilichtmaler vor den Toren Potsdams lebte, hatte die märkische Landschaft als Motiv seines künstlerischen Schaffens entdeckt. Jahrzehntelang zog er sich aus dem städtischen Treiben zurück und arbeitete an seinem malerischen Werk, umgeben von der unberührten Natur der Region um Werder, Ferch und Caputh. Mit Pinsel und Palette stand er in den hohen Gräsern am Ufer des Schwielowsees, um die wasserreiche Gegend malerisch zu ergründen.
Das Erfassen eines eindrücklichen Moments ließ flirrende Landschaftsgemälde entstehen, die er durch kurze gebogene und unterschiedlich positionierte Strichlagen sowie erhabene Farbtexturen schuf und die das natürliche Wachsen auf der Bildoberfläche nachvollziehbar machen. Um dieses malerische Anliegen zu verdeutlichen, wählte Hagemeister stilistische Mittel wie dickflüssige Farbspritzer, die er zu Blättern oder Blüten formte, sowie aus Farbflecken zusammengefügte Bildausschnitte, welche die wild bewachsenen Uferzonen der Havel darstellen. Die partiell eingesetzte Impastomalerei entsprach immer mehr dem impulsiven Farbauftrag des Künstlers, welcher der zunehmenden Plastizität seiner großformatigen Landschaftsgemälde entgegenkam.
Durch die Hinwendung zum Pastell ab Ende der 1890er-Jahre vermochte Hagemeister – stark beeinflusst von den kalligrafischen, auf das Wesentlichste reduzierten japanischen Tuschpinselzeichnungen –, eine subtilere Farbgebung zu vervollkommnen und die Atmosphäre einer Landschaft in differenzierten Tonabstufungen von Licht und Schatten wiederzugeben. In souveräner Linienführung zeichnete Hagemeister die Motive, und Vibration und Rhythmus gesellten sich zu seinem Malstil – kraftvoll gestisch, aus dem Gefühl des Wahrnehmens formuliert. Zunehmend bestimmte der freie Farbauftrag seiner Pastellarbeiten das malerische Spätwerk in Öl (zwischen 1907 und 1915). Dies wurde durch die konzentrierte Motivauswahl von Seeund Küstenbildern aufgezeigt, hier sind insbesondere die Motive der vom Wind bizarr verwachsenen Baumreihungen an den Stränden der Insel Rügen bei Lohme zu nennen.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse konnten durch die Aufarbeitung eines Konvoluts aus dem Nachlass des Künstlers gewonnen werden. Sie bereichern die retrospektive Werkschau und bringen neue Entdeckungen zur Lebensgeschichte und Arbeitsweise des Malers ein: ein handgeschriebenes Künstlernotizbuch von 1921/22, ein Skizzenbuch aus dem Jahr 1872 sowie mehrere vom Künstler beschriftete Kassetten, die mit selbst belichteten Gelatinetrockenplatten bestückt waren.
Das Künstlernotizbuch ist dabei das interessanteste Dokument, es gewährt einen subjektiven Rückblick auf Hagemeisters Schaffensphasen. Zugleich gibt die Selbstbetrachtung Aufschluss über die Beziehungen Hagemeisters zur Kunstwelt Berlins, formuliert aus der Sicht des mitwirkenden Zeitzeugen, eines Berliner Secessionisten.
Hagemeister folgte bis ins hohe Alter seinen spontanen Eingebungen, um die Unmittelbarkeit des Naturerlebnisses und das Entwickeln der Farbe aus dem Licht malerisch zu erfassen. In seinem Notizbuch aus den Jahren 1921/22 hielt er dazu stichpunktartig fest, was das Wesentliche, die »Impression« seines Schaffens, verdeutlicht: »Fluthendes Licht/ Wanderndes Licht/ Fliessendes Licht für Ferne/Flackerndes Licht/ Kämpfendes Licht für Vordergrund.«

Hendrikje Warmt
Karl Hagemeister: »…das Licht, das ewig wechselt«. Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, 8. Februar bis 5. Juli 2020
Aus MuseumsJournal 1/2020, Ausstellungen