1 | 2020 Januar – März

Christo und Jeanne-Claude: Projekte 1963–2020. Sammlung Ingrid und Thomas Jochheim

Christo und Jeanne-Claude gehören zu den populärsten Künstlerpaaren unserer Zeit. Ihnen gelang es, die Grenzen des Kunstbetriebs zu durchbrechen und eine breite Öffentlichkeit, quer durch alle sozialen Schichten, für ihre spektakulären Großprojekte zu begeistern.
 
Wolfgang Volz, Christo und Jeanne-Claude während der Installation des verhüllten Reichstags, Berlin 1995. © Christo, Wolfgang Volz
Besonders eindrucksvoll und für Berliner wie Besucher bis heute unvergessen ist die Verhüllung des Reichstags, die sich in diesem Jahr zum 25. Mal jährt. Aus diesem Anlass zeigt das Palais Populaire die Ausstellung »Christo und Jeanne-Claude: Projects 1963–2020«.
Als Leihgeber von über 80 Werken konnten Ingrid und Thomas Jochheim gewonnen werden, die diesen Teil ihrer Sammlung zum ersten Mal so umfangreich präsentieren. Zu sehen sind Arbeiten, die von 1963 bis 2019 entstanden sind, darunter frühe Objekte, viele großformatige Zeichnungstableaus sowie Editionen und Druckgrafiken. Die Exponate werden begleitet von Fotografien von Wolfgang Volz, dem engen Vertrauten des Künstlerpaars, der alle Projekte dokumentiert hat und dessen Fotografien fester Bestandteil des künstlerischen Werks sind.
Die Ausstellung führt die Betrachter in chronologischer Folge der Verwirklichung durch alle bisherigen Projekte von Christo und Jeanne-Claude (beide am 13. Juni 1935 geboren; Jeanne-Claude ist 2009 verstorben). Dabei wird anschaulich, welche langen Zeiträume oft zwischen den ersten Entwürfen und der Realisierung liegen. Aktuelles Beispiel dafür ist die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris, die als Idee bereits 1962 entstand und nun dank des positiven Votums von Präsident Emmanuel Macron im September 2020 realisiert wird.
Nach in Folien verpackten und mit Schnüren umwickelten Alltagsgegenständen – vom Zeitschriftenstapel bis zum VW-Käfer – widmeten sich Christo und Jeanne-Claude zunehmend künstlerischen Transformationen und Akzentuierungen von ganzen Landschaften oder Architekturen wie der Rifle-Schlucht in Colorado oder der Pont Neuf in Paris. Bis heute konnten 21 Projekte weltweit realisiert werden.
Die Finanzierung sämtlicher Vorhaben wird ausschließlich durch den Verkauf von Vorstudien, Originallithografien und Editionen getragen. Christo und Jeanne-Claude haben sich nie von großen Firmen sponsern lassen. Man könnte ihre Aktionen als eine Art Graswurzel-Bewegung sehen, bei denen ein fester Stamm von Aktivisten und Unterstützern heranwächst, die sich kontinuierlich für die Sache einsetzen. Ingrid und Thomas Jochheim sind solche Unterstützer und dem Künstlerpaar seit über 20 Jahren freundschaftlich verbunden.
Die Werke von Christo und Jeanne-Claude sind kaum greifbar in ihrer Flüchtigkeit und Transzendenz. Zugleich sind sie absolut partizipativ. Sie beziehen die jeweiligen Communitys ein: in Diskussionen und in den Aufbau der aufwendigen Konstruktionen, für die meist einheimische Firmen beauftragt werden. Wohl noch nie sind so unterschiedliche soziale Schichten so intensiv mit Gegenwartskunst in Berührung gekommen
»Software« nennen Christo und Jeanne-Claude die Phasen, in denen sie Entwürfe ihrer Projekte verkaufen, um deren Umsetzung zu finanzieren, und dabei weiter um die Genehmigung verhandeln. Erst dann erfolgt die eigentliche Realisation der häufig monumentalen Installationen – die »Hardware«. Die Software kann sich über ein Vierteljahrhundert hinziehen wie bei der Installation mit orangefarben leuchtenden Stofftoren von »The Gates« im Central Park oder bei der Verhüllung des Berliner Reichstags. Im Vorfeld gibt es ebenso begeisterte Befürworter wie erbitterte Gegner. Auch die Bewusstmachung sozialer und historischer Prozesse ist in den Projekten von Christo und Jeanne-Claude intendiert. 1995 traf die Verwandlung des Parlamentsbaus im wiedervereinten Berlin den Nerv der Zeit. Über fünf Millionen Besucher aus aller Welt kamen. Und wie immer war die Wirkung auf das Publikum auch bei diesem Projekt friedvoll, heiter, geradezu euphorisierend. Die Kunst von Christo und Jeanne-Claude hat keinen Anspruch auf Dauerhaftigkeit. Sie lebt vielmehr von dem Reiz eines unwiederholbaren Ereignisses.
Doch so großartig die Kunst auf Zeit ist, die Zeichnungen sind ein essenzieller Bestandteil des Werks. Sie sind Ideenskizzen, Entwürfe oder Konstruktionsanleitungen und zeigen in ihrer Strichführung, Schraffur, Lichtgebung und Farbigkeit eine unverwechselbare Handschrift. Durch die Kombination mit Plänen, Materialien wie Stoffen oder Fotografien und ihre immer gleiche Plexiglas-Umhüllung sind sie unverwechselbar. Und ein Zeugnis davon, welch ein großartiger Zeichner Christo ist. »Die Arbeiten gehen«, so schreibt Matthias Koddenberg im Katalog, »in ihrer Wirkung weit über die Aufgabe eines Entwurfs hinaus. Sie sind gestalterische Vision und zugleich Dokument des kreativen Entwicklungsprozesses. Und ist das Projekt einmal realisiert, übernehmen sie als Zeugnis des einst Gewesenen erneut eine dokumentarische Funktion. Denn Christos Zeichnungen überdauern die eigentliche Projektrealisierung.«
»Die 14 oder 16 Tage, in denen das Werk dem Publikum zugänglich ist, sind nicht der Zeitraum, in dem das Werk existiert«, sagt Christo. »Bei der Realisierung eines Projekts wird eine große Energie freigesetzt – man spürt die enorme Dynamik, wenn man vor etwas steht, das so viele Jahre für seine Entstehung gebraucht hat.« In Berlin ist nun also dieser »andere« Teil zu sehen – nicht nur für Fans, sondern für alle, die die Kunst des außergewöhnlichen Paars erleben möchten, das ein Leben lang zusammenarbeitete. Und die Entwürfe für den Arc de Triomphe sind selbstverständlich auch dabei.

Friedhelm Hütte
Christo und Jeanne-Claude: Projekte 1963–2020. Sammlung Ingrid und Thomas Jochheim, Palais Populaire, 21. März bis 17. August 2020
Aus MuseumsJournal 1/2020, Ausstellungen