2 | 2019 April – Juni

Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht

»Lotte Laserstein - diesen Namen wird man sich merken müssen. Die Künstlerin gehört zu den allerbesten der jüngeren Malergeneration. Ihr glanzvoller Aufstieg wird zu verfolgen bleiben«, schrieb das Berliner Tageblatt 1929. Doch nach ersten Erfolgen in der Weimarer Republik endete Lasersteins Karriere: Die politischen Repressionen im Nationalsozialismus schlossen die Malerin mit jüdischem Hintergrund zunehmend aus dem öffentlichen Kulturbetrieb aus und trieben sie schließlich in die Emigration.
 
Lotte Laserstein, Liegendes Mädchen auf Blau, um 1931. Öl auf Papier, 69 x 93 cm. Privatbesitz. Mit freundlicher Genehmigung des Verborgenen Museums.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Das Verborgene Museum
Als in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik die Neue Sachlichkeit und die politische Kunst der Weimarer Republik wiederentdeckt wurden, fanden die großen Überblicksausstellungen, wie »Tendenzen der Zwanziger Jahre« und »Wem gehört die Welt. Kunst und Gesellschaft in der Weimarer Republik« (beide 1977), ohne die Beteiligung Lasersteins statt. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete die Künstlerin schon seit Jahrzehnten im schwedischen Exil. 1937 hatte sie aus Nazi-Deutschland dorthin fliehen können und verdiente sich seither fern vom internationalen Kunstmarkt ihren Lebensunterhalt als anerkannte Porträtmalerin. Nach Deutschland, wo ihre Mutter im KZ ermordet worden war und ihre Schwester im Untergrund überlebt hatte, wollte sie nicht mehr zurückkehren.
Ihres Werks wurde man zunächst in Großbritannien wieder gewahr.1987 erhielt Laserstein in zwei Londoner Kunstgalerien eine erste Gesamtschau. Ihr Ouvre gehört nun auch in Deutschland zu den großen Wiederentdeckungen der letzten Jahre, nicht zuletzt dank der großen Ausstellung des Verborgenen Museums im Ephraim-Palais 2003 (MJ 4/2003) und der begleitend erschienenen Monografie »Lotte Laserstein. Meine einzige Wirklichkeit« von Anna-Carola Krausse. Seitdem hat das Interesse an der Künstlerin auch durch den Erwerb wichtiger Werke durch private und öffentliche Sammlungen in Deutschland, Großbritannien und den USA stark zugenommen. 2010 konnte das großformatige Gemälde »Abend über Potsdam« für die Nationalgalerie Berlin angekauft werden (MJ 1/2011). Das Städel Museum in Frankfurt erwarb das »Russische Mädchen mit Puderdose« von 1928 sowie ein weiteres Porträt und legte so den Grundstein für die Ausstellung, die die Berlinische Galerie nun übernehmen und um etwa 20 Leihgaben erweitern konnte. Ausgewählte Werke etwa von Georg Grosz, Christian Schad oder Georg Neuschul ergänzen Lasersteins Gemälde und stellen diese in den Kontext der Bildnismalerei der Neuen Sachlichkeit, um zugleich die Eigenständigkeit ihres Realismus herauszustreichen. Der Fokus der Schau liegt auf der Schaffensphase der 1920er- und 1930er-Jahre, zudem wird eine repräsentative Auswahl von Werken aus der schwedischen Zeit vorgestellt.
Lotte Laserstein, 1898 in Ostpreußen geboren, gehörte zur ersten Generation von Künstlerinnen, denen der Zugang zum Studium an der staatlichen Akademie offenstand - eine Errungenschaft der 1919 in der Novemberrevolution erkämpften gesetzlichen Gleichberechtigung. Doch schon ihre künstlerische Erziehung im familiären Umfeld war ungewöhnlich. Nach dem frühen Tod des Vaters siedelte die Familie zur Großmutter nach Danzig über. In diesem gutbürgerlichen, liberalen Frauenhaushalt konnte Laserstein früh ihren künstlerischen Neigungen nachgehen. Bereits mit zehn Jahren nahm sie am Unterricht in der Malschule ihrer Tante Elsa Birnbaum in Danzig teil und erlebte die Kunst als etwas, was auch Frauen mit großer Selbstverständlichkeit erlernen und lehren können.
Ab 1912 lebte Laserstein mit ihrer Familie in Berlin. 1918 begann sie, Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren und besuchte eine Schule für Gebrauchsgrafik. Bevor sie 1921 ihr Studium in der Klasse von Erich Wolfsfeld aufnahm, nahm sie einige Monate privaten Unterricht bei dem gefragten Porträtmaler Leo von König. Ihre Karriere startete die hochbegabte, selbstbewusste Malerin just in dem Moment, als Ende der 1920er-Jahre in der deutschen Kunst und Kunstkritik eine Rückkehr zu einer konservativen Kunst- und Gesellschaftsauffassung einsetzte - auch und gerade was das Bild der Frau angeht. Es ist nicht zu übersehen, dass Lasersteins Stil in den »Roaring Twenties« seltsam aus der Zeit gefallen, ja, konservativ wirkt. Laserstein ist Traditionalistin, die sich mit der fortschrittlichsten Kunst des vergangenen Jahrhunderts auseinandersetzt. Die Wahrnehmungsformen der modernen Großstadt, die in der Kunst des Impressionismus, Kubismus, Expressionismus, Ausdruck fanden, berührten sie nicht. Wenn sie Bildnisse moderner Menschentypen entwarf, gingen ihre bisweilen erzählerisch ausgestaltete Malerei vom Sichtbaren aus.
Lotte Laserstein gehörte zu jenen Künstlerinnen, die im Genre des Selbstporträts über ihre Existenz als Künstlerin und Frau sowie ihre Kunstauffassung nachdenken. Ihre Bildnisse spiegelten unterschiedliche Aspekte von Selbstwahrnehmung und Selbstbehauptung. Anna-Carola Krausse bringt diese Haltung auf die knappe Formel: »Das Bild bin ich«. So zeigte sich Laserstein schon in einem frühen Porträt der Großmutter selbst im Hintergrund als Malerin und betonte damit, dass sie es ist, die uns das im Bild Dargestellte zur Anschauung bringt. Dies wird auch in Bildern deutlich, in denen das Malen selbst Thema ist. In Ateliersituationen inszenierte sie sich als Malerin gemeinsam mit ihrem Modell Traute Rose - gewissermaßen als Tableau vivant der Neuen Frau.
Auch das Historienbild oder das historische Zeitbild, traditionell eher »Männerthemen«, belebte sie neu. Mit »Abend über Potsdam« gelingt ihr eines der wenigen hellsichtigen Zeitbilder am Ende der Weimarer Republik: fünf Personen, Freundinnen und Freunde - fünf verschiedene Haltungen des passiven Verharrens. Woher stammt diese Ermüdung, die alle, selbst den Hund ergriffen hat? Das Gemälde zählt heute zu Recht zu den bekanntesten Werken der Malerin, da wir in ihm die Melancholie der Moderne exemplarisch begreifen können, als »produktiven Zustand des Verharrens«, der nicht nur Ausdruck der Krisenjahre um 1930 ist, sondern in unsere Tage hinüberweist.
Das Bild wurde für die Künstlerin eine wichtige Referenz für ihr gesamtes Werk und zum Ausgangspunkt zweier weiterer programmatischer Figurenbilder, die erstmals in der Ausstellung versammelt sind. In dem um 1934 entstandenen Gemälde »Die Unterhaltung« findet sich statt einer Terrasse mit Weitblick nun eine in monochromen Brauntönen gehaltene, düstere Szene in einer Dachkammer. Drei junge Männer diskutieren, sinnen, hören zu, zu ihren Füßen wieder der Hund und über ihren Köpfen die enge Dachschräge und eine Ablage mit Grafikmappen. Wie als Künstler unter den neuen Machthabern weitermachen, scheint als Frage im Raum zu stehen. Lasersteins persönliche Antwort war die Emigration. 1948 entstand in Schweden die großformatige »Abendunterhaltung«. Um das leere Zentrum einer hellen, von Schatten begrenzten Wand gruppiert Laserstein Menschen, die ihre Heimat oder - wie im Falle Lasersteins - ihre Familie und damit ihre Mitte verloren haben. Für Lotte Laserstein war es die fordernde Auseinandersetzung mit ihrem Werk, die diese Leere und Isolation immer wieder füllen half.


Annelie Lütgens
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie
Aus MuseumsJournal 2/2019, Ausstellungen