3 | 2019 Juli – September

Summer of Love. Wie eine Generation die Welt veränderte

Es war der Höhepunkt der Hippiebewegung: 1967 strömten Hunderttausende nach San Francisco, um den »summer of love« zu feiern. Eine Zeit tiefgreifender Veränderungen - nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Kunst, Mode und Musik. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs wurde neben »love and peace« Partizipation zum Lebensinhalt einer ganzen Generation.
 
Mickey McGowan, Gambling-Stiefel/Ocean-Tantra-Stiefel/Mandala-Stiefel, ca. 1975. Mit verschiedenen Applizierungen aus Seide, Baumwolle, Messing, Holz und Neoprengummisohle. »Gambling« u. »Ocean Tantra«: Samml. d. Künstlers; »Mandala«: Samml. v. Finnlandia
Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Fine Arts Museums of San Francisco
Die Ausstellung »summer of love: art, fashion, and rock and roll« lässt diese kulturell und politisch so bedeutenden Jahre im PalaisPopulaire lebendig werden und schlägt zugleich eine Brücke in unsere Zeit. Die von den Fine Arts Museums of San Francisco konzipierte Schau präsentiert über 150 Objekte und Dokumente dieses legendären Sommers: Psychedelic Art, ikonische Rockposter, Flower-Power - Mode, rare Fotografien, Lichtshow und Plattencover.
Beide - die Politik und die Künste - prägten die Gegenkultur der 1960er-Jahre in San Francisco. Angeführt von Künstlern, Designern, Poeten, Schriftstellern, Musikern und Schauspielern entstand eine neue visuelle Welt, zeitgleich mit neuen Formen der Kommunikation und des Zusammenlebens. Die Ideen des »summer of love« sind gerade heute besonders aktuell. Es sind Visionen einer Generation, die mit ihrem Einsatz für Gewaltlosigkeit, soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter und Bürgerrechte mit Versammlungen sowie mit Protesten in der Öffentlichkeit selbst über ihre Zukunft bestimmen will.
Ansätze für eine ökologische Bewegung sowie ein wachsendes Interesse an Kulturen jenseits des westlichen Kanons - auch diese heute so bedeutsamen Aspekte sind bereits im »summer of love« deutlich zu erkennen. Das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung widmet sich deshalb mit Konzerten, Lesungen, Tanz- und Mode-Workshops, Meditation und Diskussionsrunden insbesondere diesen Bezügen zur Gegenwart. Dazu kommen Vorträge über »nature and slow food« oder »Jazz, Pop and Rock and Roll«.
In der Psychedelic Art dieser Ära verbinden sich florale Ornamente des Jugendstils mit Elementen der Pop- und Op-Art und des Surrealismus. Wie in der Musik wird auch hier der Einfluss fernöstlicher Kulturen deutlich. Poster für Konzerte und Veranstaltungen erlangen große Bedeutung ebenso wie die Gestaltung von Plattencovern und Buchtiteln. Die Ausstellung zeigt herausragende Werke u. a. von Rick Griffin, Victor Moscoso, Alton Kelley, Stanley Mouse und Wes Wilson. Die Künstler experimentierten mit neuen Techniken wie fluoreszierenden Farben oder Schwarzlicht, Projektoren und anderen Medien, um Plakate zu gestalten oder Konzerte mit Lichtshows zu begleiten. Einer der wichtigsten Protagonisten dieser »Lichtkunst«, Bill Ham, hat für die Ausstellung einen eigenen Raum geschaffen, in dem sich visuelles und musikalisches Erleben zu einer Einheit verbinden.
Ähnlich wie ein Jahrzehnt später der Punk entwickelte auch das Hippietum einen eigenen Look und neuartigen Modestil. Dieser unterschied sich durch lässige, bequeme Formen, Farbigkeit, Individualität und natürliche Materialien deutlich von der steifen, uniformen Welt des Nylon und Polyesters der 1960er-Jahre. 25 außergewöhnliche und heute besonders kostbare Exponate werden in der Ausstellung präsentiert, darunter auch eine speziell für Janis Joplin angefertigte, perlenbestickte Handtasche.
San Francisco gilt als Geburtsort des Psychedelic Rock, der Musik, die den Soundtrack für eine neue, engagierte Generation bildete. Sie entstand aus der Folkmusic, die sich mit anderen Stilen wie dem Free Jazz verband, neuartige elektronische Effekte verwendete und oftmals sehr experimentell war. Als Lokalmatadoren in der Bay Area traten einflussreiche Bands wie The Charlatans, Grateful Dead, Big Brother and the Holding Company, Jefferson Airplane oder Quicksilver Messenger Service bei großen Festivals, Demonstrationen oder spontanen Konzerten im Golden Gate Park auf.
In der Literatur waren nach wie vor die Vertreter der Beatgeneration wie Allen Ginsberg oder Lawrence Ferlinghetti präsent. Beliebt wurden zusätzlich Autoren wie Hermann Hesse, Mystiker wie William Blake, indische Esoterik und Underground Comix. Viele populäre Ausgaben aus dieser Zeit sind in der Ausstellung im Original zu sehen.
1968 erschien auch der erste »Whole Earth Catalog«, ein äußerst erfolgreiches Kompendium aus Do-it-yourself-Tipps und Produktempfehlungen - eine Art frühes Google in Buchform. Apple-Gründer Steve Jobs bezeichnete diese Publikation in einer sehr persönlichen Rede an der Stanford University im Jahr 2005 als »eine der Bibeln meiner Generation« und gab den Studenten jenes Motto mit auf den Weg, das auf der Rückseite der letzten Ausgabe des »Catalogs « zu lesen ist: »Stay hungry, stay foolish«. Nicht nur diese Verbindung zum Silicon Valley verdeutlicht, dass die Hippiebewegung auch unsere vernetzte und virtuelle Welt geprägt hat. Die Ausstellung »summer of love« bietet die Chance, eine der einflussreichsten und nachhaltigsten kulturellen und politischen Bewegungen zu erleben und deren besondere Bedeutung für unsere Zeit zu entdecken.


Friedhelm Hütte
Summer of Love. Wie eine Generation die Welt veränderte, Palais Populaire, 20. Juni bis 28. Oktober 2019
Aus MuseumsJournal 3/2019, Ausstellungen