4 | 2019 Oktober – Dezember

Marianne Strobl

Sie fotografierte im Wien der 1890er-Jahren Höhlen und Gaswerke, Brücken und Baumaßnahmen: Marianne Strobl. Mit ihren Industrieaufnahmen betrat sie jedoch keineswegs eine Männerdomäne, sondern kreierte ein ganz neues Berufsfeld: die mobile Auftragsfotografie. Bisher wenig beachtet, widmet das Verborgene Museum der wirkmächtigen Akteurin nun eine eigene Ausstellung.
 
Marianne Strob, Weinkellerei Franz Leibenfrost und Co, Wien-Döbling, um 1900
Privatsammlung Wien. Foto: Photoinstitut Bonartes
Sie stieg für ihre Auftraggeber in die Kanalisation, kroch in Höhlen und begleitete mit ihrer Kamera über Jahre die Errichtung der beiden Gaswerke in Wien – Marianne Strobl. Ihre Expertise in der Blitzlichtfotografie ermöglichte es ihr, verschiedenste, ja völlig konträr wirkende Aufträge auszuführen: Weinkellereien, Tunnelkonstruktionen oder den Bau der Wiener Hochquellenleitung hielt sie ebenso bildlich fest wie Jugendstilinterieurs und historistische Villen. Ihr Portfolio umfasste auch die Dokumentation von Brücken und anderen Baumaßnahmen im öffentlichen Raum. Mit dieser gezielten Ausrichtung hat Strobl ab den 1890er-Jahren ein neues Berufsfeld kreiert – und keine bestehende »Männerdomäne« betreten. Denn die vor ihr tätigen Fotografen agierten allesamt als Generalisten, die nur gelegentlich Bauvorhaben dokumentierten. Sie dagegen spezialisierte sich von Anfang an auf den weit gefassten Bereich der mobilen Auftragsfotografie. Damit war sie nicht nur die erste Frau, die in der österreichisch-ungarischen Monarchie Industriedokumentation in großem Stil betrieb, sondern die Erste überhaupt.
Motivisch reicht Strobls motivisches Spektrum von Aufnahmen technischer Objekte (Sach- oder Produktfotografien) über klassische Innenraum- und Architekturdokumentationen bis zur Ablichtung von Infrastrukturmaßnahmen im Hoch- und Tiefbau. Aufnahmen von Ingenieurbauten, die das Konstruktive fokussieren, entsprechen am ehesten heutigen Vorstellungen von Industriefotografie und der damit assoziierten visuellen Modernität.
Obwohl Strobl in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Baumaßnahmen in Wien und Umgebung festgehalten hat und auch entsprechend viele Abzüge in musealen Sammlungen vorliegen, wurden die Motive bis vor kurzem nicht beachtet. Und erst recht hätte niemand gedacht, dass sich hinter dem Kürzel M. Strobl eine Frau verbirgt. Hatte Strobl ihre Arbeiten anfänglich noch mit vollem Namen ausgewiesen, so ging sie aus strategischen Gründen bald dazu über, den Vornamen zu neutralisieren – wohl um technisches, d. h. männlich konnotiertes Know-how zu signalisieren. Diese »Unsichtbarkeit« der Urheberin sollte sich bis in die jüngste Vergangenheit fortsetzen.

Bei der Rekonstruktion von Biografie und Berufslaufbahn Marianne Strobls können wir uns auf nur wenige Anhaltspunkte stützen. Geboren wurde sie 1865 in Schlesien, damals ein Teil Österreich-Ungarns. Über ihre soziale Herkunft und ihren Bildungsweg lässt sich kaum Konkretes in Erfahrung bringen. 1891 heiratete sie den in Wien ansässigen Geodäten Josef Strobl, der auch als Amateurfotograf tätig war. Anfang 1894, mit 29 Jahren, beantragte sie ebendort den Gewerbeschein für ihren fotografischen Betrieb. Die einzigen Selbstreferenzen bilden ihre Signaturen und Stempel sowie die Fotografie einer provisorischen Arbeitssituation mit einem sprechenden Werbeplakat, das die Fotografin prominent ins Bild setzt.
Dass Marianne Strobl ihre fotografischen Kenntnisse als Amateurin erwarb, ist anzunehmen – im ausgehenden 19. Jahrhundert, als Frauen von einer institutionalisierten Fachausbildung noch ausgeschlossen waren, war dies häufig der Fall. Strobls Mann war Mitglied des angesehenen Camera-Clubs in Wien. Seine Tätigkeit in den Bereichen Vermessungstechnik und Geodäsie lässt auf eine Ingenieursausbildung schließen und mag Mariannes technisch geschulten Blick ebenso erklären wie ihr zunehmend spezialisiertes Tätigkeitsfeld. Sicher konnte auch sie die Infrastruktur des Clubs – Atelier, Laboratorium und Dunkelkammer – nutzen und von der Wissenskommunikation der Amateure profitieren. Dieses Umfeld legt jedenfalls nahe, dass Strobl über solide Kenntnisse und ein gutes Gefühl für Komposition verfügte. Bestimmt hatte sie sich bereits einige Jahre lang intensiv fotografisch betätigt, bevor sie sich zur Anmeldung ihres Gewerbes entschloss. Den konkreten Anlass dazu bot wohl die bevorstehende Leistungsschau des Militärs auf dem Gelände des Praters, unweit ihrer Arbeitsstätte. Für die Armeeverwaltung lichtete sie vor Ort die knapp einhundert ausgestellten Fuhrwerke ab. Wahrscheinlich ist, dass sich dieser erste uns bekannte Auftrag über ihren Mann ergab, der als Ministerialbeamter sicher entsprechende Verbindungen hatte. Da Vermessungstechniker im Zuge der Planung und der Bauausführung zum Einsatz kamen, liegt es nahe, dass sich auch weitere Aufträge Mariannes seiner Vermittlung verdanken. Zeitweise arbeitete Josef auch in ihrem Unternehmen mit.
Marianne Strobl wurde nicht zuletzt in einer für sie günstigen Periode aktiv. Durch die Optimierung der Aufnahmetechnik und Verbesserungen im Bereich der fotomechanischen Reproduktion änderte sich in den 1890er-Jahren die Situation entscheidend. Mit der Amateur- und der Knipserbewegung explodierte die Bilderproduktion zur Jahrhundertwende quantitativ, und auch qualitativ ereignete sich ein Sprung vom einzeln abgezogenen Positiv hin zum maschinell druckbaren fotografischen Bild, das in hohen Auflagen zirkulierte. Spätestens um 1900 war die Fotografie kulturhistorisch gesehen sehr weit verbreitet und erhielt einen höheren Stellenwert. Für Privatleute, die es sich leisten konnten, wurde es gewissermaßen schick, alles Mögliche dokumentieren zu lassen; Bauingenieure und -unternehmen nutzten das moderne Medium verstärkt für ihre Zwecke, für die Eigenwerbung und Imagepflege. Die Fotografien entstanden daher meist in intensiver Kooperation mit den Auftraggebern. Strobls Auftragslage scheint jedenfalls von Anfang an gut gewesen zu sein, war doch exakt jene von ihr abgedeckte Bandbreite an Leistungen gefragt.
Marianne Strobl bewegte sich bei ihren Aufträgen meist an Orten, die der damaligen Geschlechterideologie zufolge klassische »Männerräume« waren, und sie lichtete oft männlich dominierte, industriekapitalistische Arbeitszusammenhänge ab. Als eine im öffentlichen Raum Agierende und hinter einem beeindruckenden Apparat Regie Führende beanspruchte sie jedoch eine neue Geschlechterrolle für sich. Sozialhistorisch gesehen war sie in der Wahl ihres Berufs sehr emanzipiert. Die ihr gewidmete monografische Schau setzt der Darstellung von Frauen als marginalisierten Produzentinnen das Bild einer im Rahmen der damals herrschenden Ordnung durchaus wirkmächtigen Akteurin entgegen.

Ulrike Matzer

Ulrike Matzer
Marianne Strobl, Das Verborgene Museum
Aus MuseumsJournal 4/2019, Ausstellungen