4 | 2019 Oktober – Dezember

Fast Fashion - Slow Fashion

Mit »Fast Fashion« wirft das Museum Europäischer Kulturen einen kritischen Blick auf die Folgen unseres schnelllebigen Modekonsums. Die Schau fragt nach dem Preis, den Mensch und Umwelt dafür zahlen müssen, und regt an, das eigene Handeln zu reflektieren. Präsentiert werden auch innovative Beispiele aus der jungen Modebranche – fair und »slow« produziert.
 
Tim Mitchell, Recycling von Kleidung, 2005
Tim Mitchell und Lucy Norris
Berlin Alexanderplatz. Aus der Filiale einer großen Fast-Fashion-Kette strömen Menschen mit riesigen Papiertüten voller Kleidungstücke in der einen und einem Coffee to go in der anderen Hand. Das T-Shirt in der Tüte kostet dabei häufig nicht mehr als der Kaffee im Becher. Wie kann das sein? Und wer bezahlt dafür den Preis?
Die am Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg konzipierte und am Museum Europäischer Kulturen (MEK) um den Bereich »Slow Fashion« erweiterte Ausstellung wirft einen kritischen Blick auf die Folgen dieses Handelns.
Während noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Kleidung in Europa häufig von Schneiderinnen und Schneidern oder selbst genäht wurde, beginnt ab der Mitte des Jahrhunderts der Siegeszug der Konfektionskleidung. Diese wird nicht mehr auf individuelle Körper zugeschnitten, sondern in genormten Größen und in großen Stückzahlen produziert. Das macht Mode immer erschwinglicher, sie wird zum Massenartikel. Mit der Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer in Asien ab den 1990er-Jahren beschleunigt sich der Markt zunehmend: Große Ketten werfen ständig neue Kollektionen auf den Markt, die Endverbraucher in Deutschland kauften zuletzt im Durchschnitt mehr als ein neues Kleidungsstück pro Woche.
Dieser als Fast Fashion bekannte, schnelllebige Modekonsum von heute wirft seine Schatten vor allem auf die Lebensbedingungen der Menschen, die in den Ländern Südostasiens in der Textil- und Bekleidungsindustrie arbeiten: Die Näherinnen verdienen häufig keinen existenzsichernden Lohn, sie müssen viele Überstunden leisten und nähen im Akkord. Spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch am 24. April 2013, bei dem 1135 Menschen getötet und 2438 weitere verletzt wurden, ist klar, dass sich in der Textil- und Bekleidungsbranche die Produktionsbedingungen und Sicherheitsstandards dringend ändern müssen.
Auch die Umwelt leidet unter dem Textilkonsumrausch. Dies beginnt bereits beim Anbau der Rohstoffe. Baumwollpflanzen etwa verbrauchen Unmengen an Wasser und Bodenflächen. Das Färben der Textilien geschieht häufig unter Einsatz giftiger Chemikalien, die Mensch und Natur belasten, wenn sie ungefiltert ins Grundwasser gelangen. Kleidungsstücke aus Mischfasern lassen sich zudem schlecht recyceln. Schließlich landen Unmengen von Textilien als Second-Hand-Ware in afrikanischen Ländern, wo sie eine große Konkurrenz für die lokale Bekleidungsindustrie darstellen. Oder aber sie landen als Restmüll auf Deponien, wobei Hunderte von Jahren vergehen, bis sich zum Beispiel Polyester zersetzt hat.
Die Ausstellung stellt durch Infografiken und Schaubilder, kurze Videoclips, künstlerische Arbeiten sowie anhand von Objekten aus den Sammlungen der beiden Museen unterschiedliche Aspekte der Fast Fashion dar und lädt die Besucher ein, ihr eigenes Handeln zu reflektieren.
Nicht zuletzt die Bewegung »Fridays for Future« zeigt deutlich: Der Umweltschutz kann nicht länger ignoriert werden, er rückt ins Zentrum der öffentlichen Diskussion und berührt alle Lebensbereiche. Durch die Auseinandersetzung mit den Folgen der Fast Fashion für Mensch und Umwelt steigt deshalb auch das öffentliche Interesse an nachhaltiger Mode. So hat sich in den letzten Jahren eine von Innovationen getriebene Gegenbewegung zur Fast Fashion gebildet. Der am MEK ergänzend konzipierte Ausstellungsbereich »Slow Fashion« bietet Einblicke in diese Szene. Mit der »Neonyt« findet in Berlin jedes Jahr die weltweit größte Messe für faire Mode statt. Designerinnen und Designer setzen Trends, sie entwickeln innovative Ansätze und Materialien und entschleunigen den Kreislauf der Mode. Die Ausstellung stellt fünf Pioniere der fairen und nachhaltigen Mode vor.
Rut Meyburg beispielsweise kreiert zeitlose Ledertaschen aus recyceltem Leder. Solches Upcycling ist eine Möglichkeit, den Modekonsum nachhaltiger zu gestalten.
Auch die faire Produktion vor Ort ist ein Merkmal der jungen Slow-Fashion-Szene. An traditionellen Textilstandorten wie der Schwäbischen Alb oder Nordportugal haben Betriebe die Slow Fashion als ihre Nische entdeckt. Marken wie Lovjoi, die 2014 von Verena Paul-Benz gegründet wurde, ist es wichtig, dass ihre Kollektionen unter fairen Bedingungen produziert werden, Näherinnen und Näher existenzsichernde Löhne erhalten. Als 2015 viele Menschen aus Syrien nach Deutschland flüchteten, waren darunter auch Schneider. Einige arbeiten heute für Lovjoi und können sich so eine Existenz aufbauen.
Wo findet man als Konsument fair und nachhaltig produzierte Mode? Hier verläuft die Entwicklung ähnlich zu jener im Bereich von Bio- und veganen Lebensmitteln: Anfangs waren diese nur in speziellen Läden erhältlich, bevor sie nach und nach auch im konventionellen Supermarkt zu finden waren. Frustriert von den wenigen Möglichkeiten, Slow Fashion zu kaufen, wagte Christina Wille 2014 den Schritt, einen eigenen Laden zu gründen. Heute verkauft sie in ihren drei Berliner Loveco-Läden ausschließlich nachhaltige und vegane Mode – aus Überzeugung.
Informationen zu einzelnen Labels werden auch in der Slow-Fashion-Szene über Werbung vermittelt. Eine kleine, aber stetig wachsende Zahl an Influencern konzentriert sich auf ihren Social-Media-Kanälen ganz auf faire Mode. Dazu gehört auch Alf-Tobias Zahn, der auf seinem Blog »Grossartig« nicht nur neue Produkte präsentiert, sondern auch für weniger Konsum wirbt – zum Beispiel für eine Capsule Wardrobe, einen Kleiderschrank mit wenigen, gut kombinierbaren Kleidungstücken.
Jenna Stein steht in der Ausstellung stellvertretend für die Endverbraucher. Seit sie 2013 von Kanada nach Berlin gezogen ist, organisiert sie den Berlin Clothing Swap, eine regelmäßig stattfindende, für alle offenstehende Kleidertauschparty. Ähnlich wie bei anderen Sharing-Modellen besitzt man die mitgenommenen Kleidungsstücke nicht mehr, sondern nutzt sie temporär, bevor man sie in den Textilkreislauf zurückgibt.
Interaktive Elemente laden die Besucher ein, sich diesen Innovationen spielerisch zu nähern. Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm ergänzt die Ausstellung.
Judith Schühle

Judith Schühle
Fast Fashion - Slow Fashion, Museum Europäischer Kulturen
Aus MuseumsJournal 4/2019, Ausstellungen