4 | 2019 Oktober – Dezember

Nordic Design

Nach der großen Ausstellung von »Arts and Crafts« zum Bauhaus zu Beginn des Jahres greift das Bröhan-Museum mit einer zweiten Ausstellung die Bauhausthematik erneut auf. Stand bei der ersten Ausstellung der Weg von der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung hin zum Bauhaus im Fokus, so beschäftigt sich die jetzige Ausstellung mit der Reaktion der nordischen Länder auf das Bauhaus und die deutsche Moderne.
 
Alvar Aalto, Chair No 41, 1932. Jackson Design AB, Stockholm
Alvar Aalto
Wie in allen europäischen Ländern beschäftigte man sich auch in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland mit den Auswirkungen der beginnenden Industrialisierung. Sollten sich die Gestalter für eine Zusammenarbeit mit der Industrie entscheiden oder eher die Kooperation mit dem Handwerk suchen? Und wie sollte man mit der sozialen Frage umgehen? Kann Gestaltung einen Beitrag zur Lösung der sozialen Probleme liefern und welche Konzepte müssten dafür entwickelt werden? Bei der Beantwortung dieser Fragen richtete sich der Blick zuerst nach Deutschland, das schon seit 1900 durch die hier früher einsetzende Industrialisierung eine Reihe von Antworten gefunden hatte.
Das Bauhaus ist dabei nur eines der Projekte der deutschen Moderne, die in den nordischen Ländern diskutiert wurden. Wie die Rezeption der 20er- und 30er-Jahre zeigt, ist das Bauhaus damals weit von seinem Nimbus als »Leuchtturm der Moderne« entfernt, wie es heute gern dargestellt wird. Vielmehr scheint es, zumindest in der Wahrnehmung der nordischen Länder, von anderen Projekten, der Werkbundausstellung 1927 in Stuttgart und dem Neuen Frankfurt mit dem CIAM-Kongress (Congrès International d’Architecture Moderne) 1929, überstrahlt zu werden. Diese wurden von vielen Architekten und Gestaltern aus den nordischen Ländern besucht und in den Fachzeitschriften intensiv besprochen. Ende der 20er-Jahre feierten neue Gestaltungsweisen in allen nordischen Ländern erste Erfolge. In Finnland bekam Alvar Aalto 1929 mit dem Lungensanatorium in Paimio seinen ersten bedeutenden Großauftrag. Seine Interpretation funktionalistischer Gestaltung wurde zur Grundlage eines eigenständigen finnischen Wegs der Moderne. Die einzigartigen Lebensbedingungen in Finnland, die Intensität von Licht und Farbe in der Zeitspanne zwischen Mittsommer- und Polarnächten, aber auch die Schroffheit der Natur etwa in Lappland flossen in die Gestaltung ein und führten zu einzigartigen ästhetischen Ergebnissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg drängte eine junge Generation von finnischen Gestaltern auf den internationalen Markt. Tapio Wirkkala lieferte Entwürfe sowohl für die Glasmanufakturen in Murano wie für die deutsche Firma Rosenthal, und Aalto baute in Deutschland unter anderem im Hansaviertel in Berlin.

In Schweden bildete 1930 eine große Ausstellung in Stockholm den Auftakt für die schwedische Interpretation des Funktionalismus. Sie orientierte sich konzeptuell an der Werkbundausstellung in Stuttgart 1927 und am CIAM Kongress in Frankfurt 1929. Der Weg der schwedischen Gestaltung wurde im Anschluss an die Ausstellung unter Funktionalisten und Traditionalisten heftig diskutiert. Bei aller Bewunderung wurde eine direkte Übernahme der deutschen Konzepte abgelehnt, wobei der aus Österreich emigrierte Architekt Josef Frank eine wichtige Rolle spielte. Auch in Schweden verschmolzen die deutschen Konzepte mit lokalen Traditionen, wie die schon um die Jahrhundertwende formulierten Wohn- und Lebenstheorien von Ellen Key. »Schönheit für alle« wurde zum Credo des schwedischen Designs, das im Gleichklang mit dem schwedischen Wohlfahrtsstaat gute Gestaltung für alle Bevölkerungsschichten erreichen wollte. Geschickt beanspruchte IKEA ab den 1960er-Jahren dieses Erbe für seine Unternehmensstrategie und machte die schwedischen Konzepte dadurch gleichzeitig zum Exportschlager in der ganzen Welt.
Der unmittelbare Nachbar Dänemark hingegen lehnte den deutschen Weg der Moderne kategorisch ab. Statt auf industrielle Fertigung setzten die dänischen Gestalter auf das Handwerk. Der vom Bauhausmeister Marcel Breuer mitgeprägte Wohnstil mit verchromten Stahlrohrmöbeln wurde als zu kalt und zu technoid angesehen, die Formensprache als formalistisch und unpraktisch verdammt. Kaare Klint, der Vater des dänischen Designs, stellte im Gegensatz dazu den Menschen und seine Anatomie in den Mittelpunkt der Gestaltung. Ein Möbel sollte den Proportionen des Körpers angepasst sein. Bequemlichkeit des Möbels wurde als Grundlage der Gestaltung propagiert. Der warme Holzton, die weichen an die Natur angepassten Formen, der Lederbezug und die warmen Farben der Stoffe förderten das Wohlbehagen und brachten Design und Hygge einander näher. In den 1950er- und 1960er-Jahren feierte das dänische Design einen weltweiten Siegeszug und wurde zum Inbegriff der skandinavischen Gestaltung.
Die Reaktionen der nordischen Ländern auf die Entwicklungen in Deutschland waren nicht nur eine Antwort auf das Bauhaus, sondern vielmehr eine Antwort auf die beiden Strömungen der deutschen Moderne: Man setzte sich sowohl mit der avantgardistisch-künstlerischen als auch mit der funktionalistischen, sozial engagierten Moderne in Deutschland auseinander. Beide Aspekte wurden zu Impulsgebern für die Gestaltung in den nordischen Ländern und dienten gleichermaßen als positive wie negative Vorbilder.
In den nordischen Ländern entwickelte sich eine sehr eigenständige Interpretation von Funktionalismus. Im Vordergrund stand die maßgeschneiderte Lösung für eine Aufgabe nicht die avantgardistische Form, wie vielfach in Deutschland. Zunächst wurde die Problemstellung analysiert und erst dann die gestalterische Lösung erarbeitet. Die Möbelentwürfe des norwegischen Designers Peter Opsvik sind dafür das treffendste Beispiel. Sein mitwachsender Kinderstuhl Tripp Trapp hat die Welt erobert und dürfte einer der am häufigsten produzierten Designentwürfe weltweit sein. Der skandinavische Funktionalismus war bald keine Avantgarde mehr, sondern wurde zur identitätsstiftenden Konstante der nordischen Nationen, mit jeweils nationalen Besonderheiten.
Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Nordic Design, Bröhan-Museum
Aus MuseumsJournal 4/2019, Ausstellungen