4 | 2020 Oktober – Dezember

Männlichkeit im Spiegel der Zeit

Im Gropius Bau steht das klassische Männlichkeitsbild auf dem Prüfstand.
 
Sunil Gupta, Untitled 22, aus der Serie »Christopher Street«, 1976
Das, was als »männlich« angesehen wird, hat sich historisch und kulturell immer wieder geändert. Im 21. Jahrhundert erscheint es angebracht, über »Männlichkeiten« im Plural nachzudenken, um zu unterstreichen, auf welch vielfältige Art und Weise man ein Mann werden oder sein kann. Dabei werden Vorstellungen von Männlichkeit zunehmend hinterfragt und u.a. als »toxisch« oder »fragil« diskutiert. Besonders aktuell ist eine Beschäftigung mit diesem Thema angesichts des globalen soziopolitischen Klimas: Ein »maskulinistischer Nationalismus«, gekennzeichnet durch männliche Führer, die der Welt ihr Bild als »starke« Männer aufdrücken wollen, steht den Aktivitäten der #MeToo-Bewegung gegenüber.
Die Arbeiten der Ausstellung berühren Themen wie queere Identität, Schwarze Körper, Macht und Patriarchat, die Wahrnehmung von Männern durch Frauen, heteronormative Stereotype, hegemoniale Männlichkeit sowie Familie und präsentieren Männlichkeit als eine unfixierte, performative Identität, die von kulturellen und sozialen Kräften geprägt ist. In den letzten fünf Jahrzehnten haben Künstlerinnen und Künstler immer wieder versucht, die engen Definitionen von Geschlecht zu durchbrechen und so neue Wege zu finden, über Identität, Geschlecht und Sexualität nachzudenken.
Im Ausstellungsabschnitt »Disrupting the Archetype « richten verschiedene Künstler ihren Blick auf Soldaten, Cowboys und Athleten, auf Bodybuilder und Wrestler – und setzen diese subversiv in Szene. Das Militär spielt eine große Rolle in Thomas Dworzaks gefundenen Fotografien von Taliban-Kämpfern, die in direktem Widerspruch zu deren übermaskuliner Inszenierung in der Öffentlichkeit stehen.
»Male Order« verdeutlicht Konstruktionen von männlicher Macht, Geschlecht und Klasse. So wird in Richard Avedons ehrgeizigem Projekt »The Family« (1976) die Beziehung zwischen dominanter Männlichkeit und politischer Führung untersucht. Dafür fotografierte er wichtige Politiker, Abgeordnete und Industrielle, die die Zügel der wirtschaftlichen und kulturellen Macht in der Hand hielten. Sowohl Karen Knorrs sardonische Serie »Gentlemen« (1981—83) als auch Clare Strands spielerisch-subversives Werk »Men Only Tower« (2017) thematisieren die Position des Patriarchats und reflektieren, wie andere von den Korridoren der Macht ausgeschlossen wurden.
Seit ihrer Erfindung ist die Fotografie ein mächtiges Medium zur Konstruktion und Dokumentation von Familiengeschichten. Im Gegensatz zu den Konventionen des traditionellen Familienporträts haben die Künstler im Abschnitt »Too Close to Home: Family and Fatherhood« bewusst die »Unordnung« des Lebens festgehalten, indem sie über Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Sexualität, Sterblichkeit, Intimität und sich entfaltende Familiendramen reflektieren. Vertreten sind u.a. Werke des japanischen Künstlers Masahisa Fukase, die als zarte und ergreifende Studie über Leben und Tod des Vaters auch eine Meditation über den Verlust der Männlichkeit im Alter sind.
Die Werke im Abschnitt »Queering Masculinity« zeigen, wie Künstlerinnen und Künstler seit den 1960er-Jahren allen Vorurteilen und rechtlichen Zwängen zum Trotz, denen die Homosexualität in Europa, den Vereinigten Staaten und darüber hinaus ausgesetzt war, eine neue, politisch aufgeladene queere Ästhetik geschaffen haben. Für Künstler wie Robert Mapplethorpe, Peter Hujar, George Dureau, David Wojnarowicz und Sunil Gupta, die im Jahrzehnt nach den Stonewall-Riots (1969) bekannt wurden, ging es nicht nur darum, den heterosexuellen Diskurs der Geschlechter zu problematisieren und unterdrückende homosexuelle Stereotype zu zerschlagen, sondern auch darum, ihre Queerness als natürlichen Seinszustand zu feiern.
»Reclaiming the Black Body« stellt Künstler in den Vordergrund, die bewusst die Erwartungen an Race, Geschlecht und den weißen Blick untergraben und die Macht zurückgefordert haben, die eigene Identität zu gestalten. Die Darstellung Schwarzer Männlichkeit in den USA, die in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Unterdrückung verwurzelt ist, geht auf die gewalttätige Geschichte der Sklaverei zurück. »Unbranded: Reflections in Black by Corporate America« (1968—2008) von Hank Willis Thomas lenkt die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, wie US-amerikanische Unternehmen die afroamerikanische Männlichkeitserfahrung zur Ware gemacht und gleichzeitig kulturelle und rassistische Stereotype aufrechterhalten und verstärkt haben.
Als die zweite Welle der feministischen Bewegung in den 1960er- und 70er-Jahren Fahrt aufnahm, versuchten Aktivistinnen, tief verwurzelte Vorstellungen von Männlichkeit zu entlarven, zu kritisieren und alternative Perspektiven auf Geschlecht und Repräsentation zu artikulieren. Vor diesem Hintergrund lassen sich viele Arbeiten der in »Women on Men: Reversing the Male Gaze« versammelten Künstlerinnen lesen: Laurie Andersons prägnante Serie »Fully Automated Nikon (Object/Objection/Objectivity)« aus dem Jahr 1973 entlarvt den beiläufigen Sexismus, dem Frauen im New York der 1970er-Jahre täglich begegneten, während Marianne Wex in ihrer vorausschauenden enzyklopädischen Arbeit »Let’s Take Back Our Space« (1977) die Idee des »Manspreading« aufruft, lange bevor der Begriff erfunden wurde.

Masculinities: Liberation through Photography
16. Okt 2020–10. Jan 2021

Alona Pardo
Männlichkeit im Spiegel der Zeit, Gropius Bau
Aus MuseumsJournal 4/2020, Schwerpunkt