4 | 2020 Oktober – Dezember

»Jedes Kunstwerk ist mit meinem Leben verbunden«

Hausbesuch bei Arthur de Ganay
 
Arthur de Ganay im Gartenloft vor den Bildern von Candida Höfer
Foto: Maurice Weiss / OSTKREUZ _ Agentur der Fotografen
Arthur de Ganay ist bekannt für seine kleine, aber erstklassige private Fotografiesammlung in der Köpenicker Straße 10a. Größen wie Hiroshi Sugimoto, Candida Höfer und Thomas Ruff sind darin prominent vertreten. Nach einer langen Schließzeit zeigt der 47-jährige Architekt seine Sammlung nun in zwei möblierten Wohnungen, die man temporär anmieten kann. Wer also wissen will, wie es sich mit Candida Höfer leben lässt, kann sich auf Airbnb für ein paar Tage in de Ganays Garten- oder Spreeloft einmieten. Zur Berlin Art Week führte der Sammler persönlich mit Charme und französischem Akzent durch seine neuen Räume. Wie er es schafft, dass die Fotoarbeiten ihre Aura behalten und nicht zur Dekoration
einer luxuriösen Ferienwohnung werden, das verriet er uns während eines Rundgangs. Dabei sprachen wir über Inszenierung, Architektur als Motiv und seine Leidenschaft für Fotografie.

MuseumsJournal Herr de Ganay, warum sammeln Sie ausschließlich Fotografie? --- Arthur de Ganay Die Entdeckungdes japanischen Künstlers HiroshiSugimoto war wie eine Erleuchtung für mich. 1995 habe ich als Architekturstudent durch Zufall die »Seascapes« und »Theaters« von ihm gesehen. Da habe ich erkannt, dass Fotografie eine viel höhere Ebene hat als die der reinen Abbildung. Sie kann ein künstlerischer Akt von Abstraktion und Reduktion sein. Sugimoto beherrscht dies meisterlich.

MJ War das ihr erster Kunstkauf? --- ADG Nein, die ersten Bilder, die ich als Student gekauft habe, waren sehr klein. Arbeiten von Sugimoto habe ich erst später erworben. Besonders fasziniert mich seine Architektur-Serie. Darin reduziert er Räume mittels Unschärfe auf das Wesentliche. Das ist für mich wie impressionistische Kunst. Der Betrachter muss die Bilder im Kopf vervollständigen. Eine Kuppel mit rundem Oberlicht in einer Kirche beispielsweise hat Sugimoto so unscharf aufgenommen, dass die Wölbung der Kuppel nicht mehr wahrzunehmen ist und der runde Lichteinfall wie eine Sonne erscheint. Genial!

MJ Neben Sugimoto scheint Ihr Sammlungsschwerpunkt auf den Künstlern der Düsseldorfer Schule zu liegen. Auch deren Werke sind von strengen Strukturen, Zentralperspektive und Frontalansicht auf Architektur geprägt. Was fasziniert Sie daran? --- ADG Sie strahlen eine vollkommene Ruhe und Monumentalität aus. Nichts lenkt mein Auge ab. Ich kann vollends in der Architektur aufgehen. Das Leben mit diesen Bildern gibt mir Inspiration und den Mut zu kreieren.

MJ Verfolgen Sie ein bestimmtes Sammlungskonzept? --- ADG Ja, ich suche gezielt nach Bildern, die meditativ sind, Ruhe und Stille ausstrahlen. Das französische Wort »silence« drückt es besser aus als die deutschen. Ein Werk muss mich unmittelbar berühren, aber noch wichtiger ist seine Inszenierung. Denn ich sammle nicht fürs Lager. Wenn ich ein Werk kaufe, habe ich immer schon im Kopf, wo und wie ich es hängen kann. Das Werk muss sich gut einfügen, es ist ein Wechselspiel von Raum und Bild.

MJ Wie meinen Sie das? Können Sie ein Beispiel geben? --- ADG Ich möchte das Bild optimal präsentieren. Deshalb beginnt die Inszenierung mit der inhaltlichen Auseinandersetzung und dem Gespräch mit dem Künstler. Ein gutes Beispiel sind die Mars-Bilder von Thomas Ruff. Er hat einmal gesagt, er wolle mit dieser Fotoserie die Landung der Astronauten auf dem Mars vorwegnehmen. Mich hat dieser Satz nicht mehr losgelassen. Ich wollte diesen Kontext herstellen, das Werk unbedingt so in Szene setzen, dass dieser Zusammenhang klar wird. Also ließ ich für jedes der beiden Mars-Bilder einen Raum komplett schwarz streichen. Ich wollte, dass der Betrachter sich wie ein Astronaut fühlt, der gerade aus der Raumkapsel steigt und den ersten Schritt auf dem Mars macht.

MJ Jedes der beiden Werke hatte einen ganzen Raum für sich allein? --- ADG Richtig. Die Inszenierung war perfekt. Die Mars-Bilder sind im Hochformat, genau wie die Tür der Raumkapsel. Der Astronaut-Betrachter tritt aus dem Dunkel ins Licht des Mars. Der schwarze Raum verhinderte auch annähernd jede Spiegelung auf dem Schutzglas. Spiegelungen sind tödlich für die Fotografie - was selbst von Galerien und großen Sammlern oft ignoriert wird. Einmal habe ich eine Präsentation der Sternenbilder von Thomas Ruff gesehen. Der Raum war hoch und hell, ein sehr schöner Raum. Aber als ich eintrat, sah ich nur mich selbst, gespiegelt im Schutzglas der Bilder. Das war bestimmt nicht im Sinne des Künstlers. Ich will mich nicht selbst im Bild sehen, ich will die Sterne sehen, darin eintauchen, mich darin verlieren!

MJ Apropos - auf kaum einer der hier gezeigten Fotografien sind Menschen zu sehen. Und wenn, dann nur sehr klein und marginal. Warum? --- ADG Sobald ein Mensch abgebildet ist, zieht er die ganze Aufmerksamkeit auf sich und lenkt von der Landschaft oder Architektur ab. Der Mensch muss abwesend sein. Walter Benjamin hat einmal gesagt: »Wo aber der Mensch aus der Photographie sich zurückzieht, da tritt nun erstmals der Ausstellungswert dem Kultwert überlegen entgegen.«

MJ Wie viele Arbeiten besitzen Sie inzwischen? --- ADG Die Zahl spielt keine Rolle. Mir geht es nur um
Qualität.

MJ Verkaufen Sie gelegentlich Werke aus Ihrer Sammlung? --- ADG Sehr ungern. Manchmal muss ich verkaufen, ja, aber ich trenne mich nicht gern von einem Werk. Jedes Kunstwerk ist mit meinem Leben verbunden. Ich kann Ihnen genau sagen, in welchem Jahr ich welche Fotografie gekauft habe. Jede Arbeit markiert jeweils einen Lebensabschnitt von mir. Meine Sammlung erzählt quasi meine Biografie.

MJ Welche Ausstellung können Sie empfehlen? --- ADG Vor zwei Wochen habe ich auf der Insel Sainte-Marguerite in Cannes eine wunderbare Ausstellung von Elger Esser gesehen. Man fährt nur zehn Minuten mit dem Boot und ist dann weitab vom Trubel und Glamour der Croisette. Fast meint man, am Ende der Welt zu sein. Die Stimmung auf der Insel hat Elger in seinen Fotoarbeiten eingefangen. Sie sind derzeit im Musée de la Mer ausgestellt - unbedingt ansehen!

Minh An Szabó de Bucs
»Jedes Kunstwerk ist mit meinem Leben verbunden«
Aus MuseumsJournal 4/2020, Einblicke