Sonderausgabe

Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und die Vision einer kreativen Zukunft

Die Ausstellung »Fashion Beyond Trends« in der National Art Gallery in Windhuk ist erfüllt von den Stimmen und Handyblitzlichtern junger Namibierinnen und Namibier. Sie feiern die Modekreationen der namibischen Designerin Cynthia Schimming, die aus Anlass der Ausstellung mit Namibias erstem Lifetime Achievement Award in Fashion ausgezeichnet wird. Ein Design löst besondere Begeisterung aus. Es ist die Neuinterpretation eines »traditionellen« Herero-Kleids.
 
Cynthia Schimming (links) und Renate Sander arbeiten an Schimmings Kunstinstallation im Ethnologischen Museum Berlin. Filmstill aus »Tracing Namibian-German Collaborations at the Ethnologisches Museum Berlin« (AT)
Foto: Moritz Fehr
Der Schnitt mit Puffärmeln und weitem Unterrock ist viktorianischen Kleidern nachempfunden und wurde infolge der Missionierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Herero-Mode übernommen. Die Kopfbedeckung ahmt die Form von Rinderhörnern nach und verweist auf die stolze, vorkoloniale Vergangenheit der Herero als Viehzüchter. Eine Besonderheit des Kleides ist das Motiv, das den Saum des Rockes ziert. Es zeigt ein Ekori, eine aufwendig aus Leder gefertigte und mit Eisenperlen geschmückte Kopfbedeckung, die Herero-Frauen vor der deutschen Kolonialisierung trugen. Cynthia Schimming hat solche Ekori erstmals im Depot des Ethnologischen Museums in Berlin gesehen und deren Geschichten, Materialien und Techniken studiert. Nach drei Monaten intensiver Forschung an den Objekten hat die Herero-Künstlerin ein Werk für das Humboldt Forum geschaffen, das sich mit den Traumata von kolonialer Gewalt und Genozid auseinandersetzt, zugleich aber die Sammlung als Inspirationsquelle für die Entwicklung neuer Designs begreift. Während Besucherinnen und Besucher in Berlin dieses vielschichtige Kunstwerk bei der Eröffnung der Ausstellung des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum werden bewundern können, hat Cynthia Schimming ihre Inspirationen mit zurück nach Namibia genommen und in ihre Modedesigns einfließen lassen. Ihre Arbeit mit den Sammlungen in Berlin führt nicht nur die Bedeutung der gemeinsamen Provenienzforschung vor Augen. Sie zeigt auch das Potenzial von kolonialen Sammlungen für die Entwicklung von Zukunftsvisionen für Menschen in den Herkunftsländern der Objekte auf.
Das Kooperationsprojekt »Confronting Colonial Pasts. Envisioning Creative Futures« des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin und der Museums Association of Namibia hat sich ebendiese Verbindung von kooperativer Provenienzforschung und dem Ausloten des Zukunftspotenzials kolonialer Sammlungen zum Ziel gesetzt. Seit dem Frühjahr 2019 haben neben Cynthia Schimming sechs weitere Expertinnen und Experten aus Namibia gemeinsam mit dem Team des Ethnologischen Museums die namibische Sammlung des Museums erforscht. In Rücksprache mit namibischen Communitys und Kulturerbe-Expertinnen haben sie eine erste Auswahl von 23 Objekten, darunter Schmuck, Prestigeobjekte und historisch wichtige Artefakte, getroffen, die nach Namibia reisen werden, um dort ihr kulturelles und gesellschaftliches Potenzial zu entfalten. Aufbauend auf der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz finanzierten Forschungsphase in Berlin wird die Reise der Objekte ins National Museum of Namibia in Windhuk und die weitere kreative Arbeit mit den Objekten vor Ort von der Gerda Henkel Stiftung ermöglicht. Vertreterinnen und Vertreter aus Kunst, Wissenschaft und Communitys werden die historischen und kulturellen Bedeutungen der Objekte aus Berlin und der Sammlung des National Museum of Namibia diskutieren und das von Kolonialerfahrungen verschüttete Wissen über die Objekte aktivieren. Zwei Master-Studierende der University of Namibia werden diese Diskussionen vom National Museum in Windhuk in die Communitys tragen und dort nachhaltig verankern. Darüber hinaus plant die Museums Association of Namibia die Eröffnung eines neuen Museum of Namibian Fashion. Damit wird ein Raum geschaffen, in dem Künstlerinnen und Künstler die kolonialen Sammlungen in Berlin und Windhuk als Archiv namibischen Kunsthandwerks und Designs verstehen und aus der oftmals traumatischen Vergangenheit kreative Zukunftsvisionen entwickeln können.
Im Humboldt Forum wird eine Ausstellung Einblick in diesen gemeinsamen Forschungsprozess geben und sowohl die teils äußerst gewaltvolle deutsch-namibische Geschichte als auch die Bedeutung der kolonialen Sammlungen für Namibierinnen und Namibier heute thematisieren. »Wir verlieren nichts, sondern gewinnen, wenn wir die Objekte auf Reise schicken. Die Besucherinnen und Besucher werden verstehen, warum es wichtig ist, diese Objekte zurückzubringen, und erfahren, welchen Schatz an neuem Wissen wir gemeinsam erarbeitet haben«, fasst Golda Ha-Eiros, Vorstands- vorsitzende der Museums Association of Namibia und Co-Kuratorin der Ausstellung, das Ziel des deutsch-namibischen Teams zusammen. Cynthia Schimmings Kunstwerk spielt dabei eine zentrale Rolle. Der Saum des Kleides, das sie für das Humboldt Forum geschaffen hat, wurde im Siebdruckverfahren ebenfalls mit dem Motiv eines Ekori verziert. Flechttechniken, die Schimming an einem Korb aus dem Norden Namibias im Depot des Ethnologischen Museums entdeckt hat, sind in die Fertigung des Gürtels eingeflossen. Den Schmuck für das Modeensemble hat die Designerin auf einem Markt in Namibia erstanden. Diese Zeichen kultureller Kontinuitäten und des Widerstands treten in Dialog mit den Siebdrucken der Ekori, die, Zitaten gleich, auf eine Geschichte kreativer Selbstbestimmung jenseits kolonialer Gewalt verweisen. Ein zweiter Teil der Installation nimmt ein anderes Schlüsselobjekt in der Sammlung in den Fokus: eine von Nama-Künstlerinnen oder -künstlern gefertigte Patchworkdecke aus Leder, die Gustav Nachtigal 1876 dem Museum verkaufte. Sechs Jahre später beglaubigte Nachtigal den ersten mit betrügerischen Absichten angefertigten Landvertrag zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem Nama-Kaptein Josef Frederiks II. Schimming hat das Muster der Pachtworkdecke auf eine über sechs Meter lange Stoffbahn übertragen und mit historischen Fotografien aus der Sammlung des Ethnologischen Museums bedruckt. Die Stoffbahn nimmt im Humboldt Forum die stilisierte Form einer Landschaft an. »In den Fotografien der Kolonialzeit, vor allem nach dem Genozid an den Herero und Nama, wurde die namibische Landschaft oft leer, ohne Menschen dargestellt, um für die Besiedlung der Kolonie zu werben. Meine Installation macht das Gegenteil. Sie zeigt all jene Menschen, die Namibia damals geprägt haben und bis heute prägen: Nama, Herero, Damara, Ovambo, San und Deutsche.«

Julia Binter
Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und die Vision einer kreativen Zukunft
Aus MuseumsJournal 2/2020, Humboldt Forum