Sonderausgabe

Digitalisierung als Chance. Tobias Nettke über Vermittlung und Digitalisierung in Museen

Tobias Nettke ist Professor für Bildung und Vermittlung in Museen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft und engagiert sich beim Deutschen Museumsbund im Arbeitskreis Bildung und Vermittlung. Wir sprachen mit ihm über das Zusammenspiel von Vermittlung und digitalen Angeboten in Museen.
 
Tobias Nettke, Professor für Bildung und Vermittlung in Museen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft
Foto: HTW Berlin, Alexander Rentsch
MuseumsJournal: Herr Nettke, Sie sind Professor für Bildung und Vermittlung in Museen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft sowie beim Deutschen Museumsbund im Arbeitskreis Bildung und Vermittlung tätig. Bevor wir zum eigentlichen Thema - der Digitalisierung im Museum - kommen, die Frage: Wie definieren Sie den Vermittlungsauftrag von Museen?
Tobias Nettke: Der Vermittlungsauftrag von Museen ist so zentral wie die ihnen übertragenen Aufgaben des Sammelns und Bewahrens. Eine Ausstellung hat immer den Vermittlungszweck, unterschiedlichen Menschen Zugänge zum Museum und dabei Bildung zu ermöglichen. Heute kommt hinzu, dass öffentlich geförderte Museen auch die Möglichkeit zur Mitwirkung oder Mitbestimmung schaffen.
Museen arbeiten im Dienste der Gesellschaft und deren Entwicklung, das bezieht sich auch auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dies wiederum impliziert, dass Museen so sammeln, bewahren und vermitteln müssen, dass die diverse Gesellschaft in ihren diversen Strukturen angesprochen wird. Es darf Museen heute nicht mehr nur um fürstliche oder bürgerliche Perspektiven oder die Mehrheit gehen. Sie müssen neue Wege und Formate finden, die zur Diversifizierung des Publikums beitragen. Dabei spielt das Thema der digitalen Angebote eine sehr große Rolle.

MJ: Was halten Sie von dem Vorschlag einer neuen Museumsdefinition, den ICOM, der Internationale Museumsrat, Ende letzten Jahres vorgestellt und der eine heftige Debatte ausgelöst hat?
TN: In dieser Debatte fallen Postulate wie: Communitys erreichen, inklusiver werden, transparenter sein. Diese Punkte waren in der alten Definition nicht enthalten. Früher hat jedes Museum die genannten Aufträge oft zu einseitig interpretiert. Da hieß es häufig: Wir sind doch offen und für die Gesellschaft da - wer Eintritt bezahlt, kann hereinkommen. Die unzähligen, zum Teil unsichtbaren Barrieren wurden nicht erkannt, ebenso wenig die Tatsache, dass die Präsentationen der Museen für viele Menschen nicht relevant sind, z.B. weil sie deren Perspektiven nicht repräsentieren.
Ich erachte die Vorschläge zur neuen ICOM-Definition für sehr sinnvoll, weil sie bestimmte Forderungen an die Museen stellen: Gerechtigkeit etwa oder eine antidiskriminierende Haltung, Diversität als Ziel und damit eine aktive Rolle in der Gesellschaft. Museen müssen dafür sorgen, dass sie Orte für Debatten werden, in denen es um Fragen der Gerechtigkeit und des Miteinanders geht. Wie wollen wir zusammen leben, Kulturgut bewahren, verantwortungsvoll mit dem kolonialen Erbe umgehen?

MJ: Geben Sie das Ihren Studierenden mit auf den Weg?
TN: Ja, unser Studiengang heißt Museumsmanagement und -kommunikation. Wir sehen es als ganz zentrale Aufgabe an, dass Management und Kommunikation ineinandergreifen, dass Ausstellen und Vermitteln ineinandergreifen, dass man die Öffentlichkeitsarbeit nicht losgelöst vom Bildungsauftrag der Museen sehen kann und dass hierbei Vielfalt eine entscheidende Rolle spielt.

MJ: Sind nicht die Schwierigkeiten vorprogrammiert, wenn jemand von außerhalb ans Museen kommt und fordert, dass alles anders gemacht werden soll?
TN: Es gibt schon Unterschiede zwischen Theorie und Praxis. Bei uns lernen die Studierenden die Wichtigkeit von Audience Development oder Outreach anhand von Praxisbeispielen. Wir haben Studienmodule zur Notwendigkeit von Diversität im Museum oder zu Projektmanagement. In der Lehre arbeiten wir mit Best-Practice-Beispielen. Dann kommt die Realität, die in jedem Museum anders aussieht. In der Zusammenarbeit mit Museen merken wir, dass wir Ideale vertreten, die sich in der praktischen Arbeit manchmal schwer umsetzen lassen - vielleicht weil die Ressourcen nicht ausreichen oder die Kompetenzen für bestimmte Aufgaben nicht hinreichend ausgebildet sind.

MJ: Was hat Vermittlung mit Digitalisierung und Digitalisierung mit Vermittlung zu tun? Können sie sich gegenseitig unterstützen?
TN: Im Englischen gibt es den Begriff »museum experience«, also Museumserfahrung. Die gilt es zu steigern - das ist ein Teil der Vermittlung. Da im Alltag fast jeder Mensch ein digitales Endgerät besitzt, können Museen ihrem Bildungs- und Vermittlungsauftrag jetzt auch im digitalen Raum nachkommen. Aber in diesem Bereich hinken die Museen teils weit hinterher. Es gibt einige Ausnahmen wie das Städel Museum in Frankfurt am Main, wo eine Bandbreite an Möglichkeiten genutzt wird, um auf digitalem Wege eigene Inhalte einem breiteren Publikum nahezubringen.

MJ: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
TN: Das Städel bietet Audioguide-Apps, eine Sammlungs-App mit den Highlights des Museums und Podcasts, die Sammlung ist online zugänglich. »Digitorials« zu Sonderausstellungen machen über Bilder und Texte, aber auch über Audioelemente Informationen zugänglich. Zudem gibt es mit »Kunstgeschichte online« einen Kurs zur Moderne, und im Oral-History-Projekt »Café Deutschland« fragt das Städel Künstlerinnen und Künstler nach ihren Erfahrungen mit Kunst. Selbstverständlich bespielt das Städel die sozialen Netzwerke Facebook, Instagram, Youtube. Auf Youtube gibt es viele Videos, die mit Untertiteln abspielbar sind. Kaum ein anderes Museum in Deutschland differenziert derart seinen digitalen Auftritt und nutzt so viele Formate.

MJ: Was steht hinter dieser wirklich breiten Vielfalt?
TN: Managemententscheidungen! Das ist die Digitalstrategie eines Hauses, das bewusst festgelegt hat, auch Ressourcen in seine Onlinenutzer zu investieren. Das Publikum eines Museums ist nicht nur jenes vor Ort, das ein Ticket löst, sondern es ist die Gesellschaft im weitesten Sinne. Deshalb geht das Städel diese digitale Zugänglichkeit ganz strategisch an, sucht Förderer, setzt Drittmittel ein.

Mj: Aber erreicht man mit QR-Codes, Virtual-Reality-Brillen und Augmented-Reality-Features nicht vor allem junge Museumsbesucher?
Tn: Ja und nein. Wir müssen ganz grundsätzlich klären, von welchen Digitalformaten wir sprechen. Wir haben im Museum ortsgebundene und ortsunabhängige Formate. Bei den ortsgebundenen unterscheiden wir noch einmal zwischen Medien, die stationär an einem Objekt funktionieren, und mobilen Medien, die die Besucher durch die gesamte Ausstellung führen oder außerhalb des Museums eingesetzt werden können.
Zu den ortsunabhängigen Formaten gehören digitale Lernspiele, Chats, Webinare, Tutorials, Instawalks und die Beispiele, die ich zum Städel Museum genannt habe. Die lassen sich überall mit einem digitalen Endgerät nutzen. Das sind die großen Chancen, die die digitale Vermittlung für das Museum bietet.

MJ: Lassen sich an diese Projekte Museumsstandards anlegen?
TN: Selbstverständlich! Es darf nicht nur um die Masse solcher Angebote gehen, sondern vor allem um deren Qualität. Die Usability - die Benutzerfreundlichkeit - muss eine herausragende Rolle spielen ebenso wie die Frage, welche Inhalte mit welcher Sprache vermittelt werden. Es geht auch darum, wie verständlich und konsistent ein Angebot ist, um die Steuerbarkeit, die Fehlerrobustheit. Hier gelten ähnliche Kriterien wie zur allgemeinen Museumsnutzung: Wenn ich mich analogen Objekten zuwende, will ich inspiriert werden, vielleicht sollen sie meine Kreativität anregen oder mich über Werte oder Grundlegendes nachdenken lassen. Gerade wenn man zu zweit oder dritt im Museum ist, was ja die Regel ist, möchte man doch miteinander diskutieren. Da stellt sich die Frage, was mir das jeweilige Medium dazu bietet: Wirft es denn auch Fragen auf oder will es einfach nur informieren?

MJ: Ähnliches haben wir uns bei kürzlichen Museumsbesuchen auch gefragt: Wenn man für Virtual Reality mit schweren Brillen hantiert und sich von der Außenwelt abschließt, wird der Nutzen des Ganzen nicht deutlich. Dann ist Virtual Reality Unterhaltung ohne kulturellen Mehrwert. Sind digitale Anwendungen nur Selbstzweck?
TN: Wir stecken noch in den Kinderschuhen der Digitalisierung. Die Usability-Standards oder museologischen Kriterien, anhand von Objekten Geschichten zu erzählen, wenden Museen zum Teil auf Ausstellungen an. Den Virtual-Reality- oder Augmented-Reality-Anwendungen fehlt oft ein gewisses museologisches Know-how. Dabei handelt es sich um ein Grundproblem: Ich gehe doch nicht in ein Museum, bin am authentischen Ort, umgeben von Originalen, um mir eine Brille aufzusetzen, die mir komplett die Sicht darauf versperrt. Eben habe ich mich noch mit meiner Partnerin oder meinem Freund ausgetauscht, jetzt bin ich isoliert. Mit Augmented Reality ist das etwas anderes: Es gibt ein Objekt und ich nehme z. B. mein Smartphone, um Zusatzinformationen zu bekommen. Wie sah etwas vor einhundert Jahren aus, wie wurde es bewegt? Oder es gibt nur ein Fragment und auf dem Endgerät wird es vollständig ergänzt.

MJ: Also ist virtuelle Realität in Ausstellungen wenig hilfreich?
TN: Bei Augmented Reality ist die reale Welt noch zu sehen, der Bezug zu Exponatstrukturen bleibt. Erst wenn ein Museum die Medien systematisch unterscheidet, kann es deren Nutzen klar definieren und festlegen, welche Kriterien dafür erfüllt sein müssen. So muss bei Augmented-Reality-Anwendungen in Ausstellungen der Abgleich mit dem Original stehen und nicht das Verharren in der virtuellen Welt. Ich halte Augmented Reality für eine große Chance, weil sie das Museum sinnvoll erweitern kann, während die reine virtuelle Realität etwas Ortsunabhängiges ist, das ich auch zu Hause ansehen kann, dafür benötige ich kein Original.

MJ: Stichwort Original. Bei Google Arts & Culture wird der Ausstellungsbesuch ins Netz verlegt - nach Streetview-Manier durchwandert man ein Museum, kann heranzoomen, erhält zum Teil mehr Informationen als vor Ort. Machen sich Museen mit solch einem Angebot selbst überflüssig?
TN: Nein, auf keinen Fall. Museen dienen der Gesellschaft und deren Entwicklung und damit auch den vielen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen. Vermittlung muss also innerhalb vieler Kanäle erfolgen und multiperspektivisch sein. Es gibt Menschen, die sich via Google Streetview durchs Museum bewegen wollen. Das kann man im Museo Frida Kahlo in Mexiko sehr gut oder in den Häusern der Berliner Museumsinsel. Das setzt jedoch einen hohen Grad an Motivation und Wissen voraus. Die Nutzer sind Menschen, die das sehen wollen, sie waren teils schon in dem Museum oder haben ein großes Interesse an einem bestimmten Objekt. Diejenigen, die wir vom kulturellen Wert der Museen überzeugen wollen, nutzen dieses Angebot eher nicht. Ich glaube, dass es andere Formate gibt, die mehr und diversere Menschen ansprechen.

MJ: Ist die Webseite eines Museum der erste digitale Zugang?
Erreicht man damit bereits andere Nutzer?

TN: Wichtig ist die Vernetzung. Eine Webseite ist nur der Knotenpunkt von Informationen, wo etwa die digitale Sammlung aufgelistet ist. Es muss jedoch darauf geachtet werden, dass man durch Suchmaschinen gut gefunden wird und vor allem in anderen Netzwerken präsent ist. Viele Nutzer kennen die Webseite vielleicht noch gar nicht und es muss auf sie aufmerksam gemacht werden. Diese Information müssen die Museen auf ganz anderen Kanälen, Webseiten oder Plattformen geben, nicht nur auf Kulturplattformen wie dem Museumsportal, sondern auch solchen zur Freizeitgestaltung.
Als Museum gilt es, all dies in seine Digitalstrategie einzubinden und ständig auszubauen. Wenn Museen im 21. Jahrhundert relevant bleiben wollen, dann müssen sie an dieser Stelle investieren. Damit erreichen sie vielleicht mehr junge Leute, aber auch auch ältere Menschen haben heute ein Smartphone und halten sich im Internet auf. Die Museen müssen sich fragen, wie unterschiedlichste Menschen an ihre neuesten Informationen und digitalen Angebote herankommen.

MJ: Kann man über die Digitalisierung einer Sammlung
andere Zugänge schaffen?

TN: Es gibt Museen, die Zugänge schaffen, indem sie es ermöglichen, Alben anzulegen, oder selbst Alben vorschlagen. Das Rijksmuseum in Amsterdam macht das sehr gut. Es bietet die Möglichkeit, online eine Sammlung von persönlichen Highlights anzulegen und daraus sogar eine
Tour für den späteren Besuch zu speichern. Wichtig ist auch, dass hier Bilder hochaufgelöst zur Verfügung gestellt werden, zum Herunterladen und zum Bearbeiten, das heißt das Museum macht die Nutzungsrechte transparent und gibt aktiv Bilder für die Privatnutzung frei.
Das Städel Museum etwa bietet aber nicht nur einen rein ästhetischen Ansatz: Es hat zum Beispiel ein Album mit Werken aus unterschiedlichen Jahrhunderten angelegt, die sich mit dem Klimawandel und dem Umgang mit der Umwelt beschäftigen. Ein anderes hat das Thema Europa, auch als politische Utopie. Wir brauchen also auch kritische und diskursive Perspektiven, die mit anderen digitalen Kanälen verknüpft sind. Dieses disziplinenübergreifende Denken ist fantastisch und eine weitere Chance, denn das Publikum denkt nicht in reinen Wissenschaftsdisziplinen, sondern schaut über den Tellerrand.

MJ: Der Erfolg solcher Zugänge scheint schwer messbar zu sein.
TN: Bei digitalen Angeboten kann man die Nutzer durchaus zählen, so wie Ticketverkäufe auch. Aber die Klicks sind kein Eins-zu-eins-Indikator für Erfolg und mehr Qualität. Aber es ist schön, wenn die Zahl der digitalen Nutzer steigt und wenn man über analytische Tools nachweisen kann, dass sie auch noch diverser sind. Aber das bedeutet auch, unsere Publikumsforschung dahingehend anzupassen. Denn bisher erheben wir
- wenn überhaupt - Daten wie Wohnort und Alter, die wenig über Diversität aussagen. Um das Erreichte zu überprüfen, muss in diesem Bereich nachgesteuert werden.

MJ: Wir haben Klaus Lederer die Frage gestellt, wann für ihn die Berliner Museumsstrategie erfolgreich ist, angefangen beim eintrittsfreien Sonntag (Journal S. 10ff.). Darauf antwortete er: Wenn auf der Straße ein x-beliebiger Mensch auf die Frage, wann er das letzte Mal im Museum war, antwortet: im letzten Vierteljahr, und sich auch noch erinnert, was er erlebt hat. Entspricht das auch Ihrer Vorstellung?
TN: Ja, es ist auch meine Vision, dass mehr Menschen sagen: Ich war im Museum oder: Ich habe ein digitales Museumsangebot genutzt. Es ist nicht so wichtig, dass alle Leute vor Ort sind, aber wenn Museen im digitalen Raum für bestimmte, schwer zu erreichende Gruppen relevanter werden, haben sie schon viel gewonnen.
Die Fragen stellte Nina Szymanski.

Nina Szymanski
Digitalisierung als Chance. Tobias Nettke über Vermittlung und Digitalisierung in Museen
Aus MuseumsJournal 2/2020, Museum digital