3 | 2021 Juli – September

Humboldt Forum öffnet sich der Welt

Die für Mitte Juli geplante Eröffnung ist nicht gefährdet, teilte das Humboldt Forum kürzlich mit. Endlich - mehr als zwanzig Jahre, nachdem die Idee in die Welt gesetzt wurde. Seit Dezember 2020 ist das Haus betriebsbereit, konnte aber nur digital eröffnet werden. Gefährdet scheint das Humboldt Forum aber dennoch, nicht wegen Baumängeln oder Personalproblemen, über die zuletzt berichtet wurde. Die Institution wird in ihren Grundfesten erschüttert.
 
Südseite des Humboldt Forums
Foto: Alexander Schippel
Ein maßgebliches Fundament des Humboldt Forums ist eigentlich nicht mehr tragfähig. Die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), einer von vier Akteuren unter der Kuppel des teilrekonstruierten Berliner Schlosses, stehen seit längerer Zeit in der Kritik. Die gesellschaftliche Debatte um den Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten hat in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen, besonders seit die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der Ökonom Felwine Sarr 2018 ihre viel beachtete Studie zur Restitution kolonialer Kunstgüter an ihre Herkunftsländer vorgelegt haben. In den vergangenen Monaten hat sich sogar die zurückhaltende Position der SPK in der Restitutionsfrage unter dem wachsenden politischen Druck umgekehrt.
Im Zentrum stehen die unter erheblichem Raubkunstverdacht stehenden Benin-Bronzen. Seit einer gemeinsamen Erklärung der Kulturstaatsministerin, des Auswärtigen Amts und verschiedener Landesministerien, der Preußenstiftung und diverser ethnologischer Museen am 30. April 2021 ist klar: Es wird bereits 2022 zu Rückgaben kommen. Und es wird womöglich nicht bei den Benin-Bronzen bleiben. Als der Historiker Götz Aly vor wenigen Wochen seine Recherche zu einem bereits ins Humboldt Forum verbrachten Hauptexponat, dem Luf-Boot aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea, veröffentlichte, rückte mit den 65 000 Südsee-Objekten schon das nächste Sammelgebiet in den Fokus des Zweifels.
Das Humboldt Forum konnte bislang kaum wirksam auf die Debatte reagieren. Es wurde für seine barocke Hülle bestaunt, war wegen der Pandemie geschlossen und zusätzlich mit hausgemachtem Zwist beschäftigt. Währenddessen diskutiert die für die koloniale Vergangenheit Deutschlands zunehmend sensibilisierte Öffentlichkeit über Artefakte, die seit Jahren nicht ausgestellt waren und womöglich nie in Berlin gezeigt werden. Für das Humboldt Forum, das weit über die Schlossattrappe hinaus als Institution strahlen möchte, ist es existenziell, endlich zu eröffnen. Es muss endlich zeigen, was es will, was es leisten kann und welche Stellung es in Berlin bezieht - in dieser Zeit, an diesem exponierten Ort und in dieser problematischen Architektur.
Bénédicte Savoy, die den Expertenbeirat schon 2017 lautstark verlassen hatte, stichelte jüngst in einem Interview mit dem Weltkunst-Magazin: »Das Humboldt Forum, also das Schloss, wurde von Menschen gewollt, die die ehemaligen Hohenzollern-Räume darin haben wollten.« Sie glaubt, dass man sich irgendwann entscheiden müsse, auch die »historischen Räume zu rekonstruieren«. Nicht nur Hartmut Dorgerloh, der als Direktor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg schon Herr über echte Schlösser war, dürfte in dieser populistischen Vision die nächste Gefahr sehen.
Der Intendant des Humboldt Forums hat betont, dass er gerade vor der preußischen Kulisse die ganze Welt im Auge behalten will. Bald wird er zeigen müssen, ob er der Instrumentalisierung seines Hauses, an dessen Narrativ so viele mitschreiben, etwas entgegensetzen kann. Es wäre schade, das Humboldt Forum jenen zu überlassen, die es als Utopie schon abgeschrieben haben.

Marcus Woeller
Humboldt Forum öffnet sich der Welt, Humboldt Forum
Aus MuseumsJournal 3/2021, Panorama