4 | 2021 Oktober – Dezember

Arche zum Eintauchen

Tasten, Spüren, Entdecken, Zuhören und Ausprobieren - gesellschaftliche Fragen werden in der neuen Kinderwelt Anoha ganz nebenbei verhandelt
 
ANOHA – Die Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin
Foto: Yves Sucksdorff
Affen, Wildschweine und Schafe bilden das Empfangskomitee - als Geräuschkulisse. Und schon kann es losgehen mit Toben, Klettern, Ausprobieren, und zwar auf Socken, was viel bequemer ist und gleich Vertrautheit aufkommen lässt. Als großen »Spielplatz des Miteinanders, als eine Schule der Toleranz und der Verständigung«, bezeichnete Kulturstaatsministerin Monika Grütters das Anoha - das neue Kindermuseum des Jüdischen Museums - zur Eröffnung im Juni.
So staatstragend sich das anhört, so unbeschwert, spielerisch und überzeugend wird dieser Anspruch eingelöst. Auf das Foyer folgen Regengang und Flutraum, mit Wackelinseln im tosenden Wasser. Die Kinder können kleine Boote losschicken, Fluten simulieren oder im Weiteren durch eine riesige Anakonda kriechen und Nachttiere in ihrem Unterschlupf aufstöbern.
150 wundersame Upcycling-Tierskulpturen, jede ein Kunstwerk für sich, wollen an Bord der Arche gebracht werden. Kongenial erfassen die Figuren das Wesen der Tiere. Die Beine der Eselin sind aus einem alten Servierwagen, ihre Mähne aus Schuhbürsten, im Maul - einem aufgeschnittenen Fußball - stecken Zähne aus Schreibmaschinentasten. Gemütlich streckt sich ein Kamel mit Schubfächern, Holzbeinen und orientalischem Brettspiel zwischen Höckern aus Leitern. Ein quietschgrüner ausgestopfter Lederbeutel mit altem Portemonnaie als Kopf und knallgelben Schellenaugen lugt als Frosch um die Ecke. Es überrascht, wie überzeugend die eingeladenen Künstler, den ungewöhnlichen Bauteilen zum Trotz, die Tiere lebendig werden lassen.
Ob Eisbär oder imposanter Orang-Utan, von der kleinen Schnecke bis zum Säbelzahntiger - all diese Kunstwerke finden Platz in einem wirkungsvollen hölzernen Rundbau, 28 Meter im Durchmesser und sieben Meter hoch. Er ist in die ehemalige Kreuzberger Blumengroßmarkthalle, einen brutalistischen Betonbau von Bruno Grimmek aus den 1960er-Jahren, eingebaut worden. Daniel Libeskind hatte die Halle 2012 zur Akademie des Jüdischen Museums umgebaut, dessen Hauptgebäude gegenüber liegt. Nun ist alles licht und hell, in warmen Holztönen gehalten, eine Kinderwelt, die zum Begehen und Anfassen einlädt.
Es geht um Offenheit und Respekt im Umgang miteinander: Dürfen nur Lieblingstiere auf die Arche oder hat jedes Tier Anspruch auf einen Platz? Kinder (und Erwachsene) erfahren: Manche Tiere haben es schwerer als andere, sind vom weltweiten Artensterben betroffen. Der in schwarzen Seilen hängende Polarbär schafft es nicht allein und muss über eine Seilbahn auf die Arche gelotst werden. Es gibt Futterstationen, an denen mithilfe eines Seilzugs bunte Bälle über durchsichtige Rohre in die Tröge der Tiere rollen. Der anfallende Dung kann ökologisch korrekt direkt auf der benachbarten Blumenwiese entsorgt werden.
Das jüdische Konzept »Tikkun Olam« (Vervollkommnung der Welt), die Idee, dass jeder einzelne aufgerufen ist, die Welt ein kleines Stück besser zu machen, ist der rote Faden im Ausstellungskonzept - und der überzeugt in jeder Hinsicht. Für jüdische Kinder gehört es heute zum guten Ton, als Teil ihrer Bar- oder Batmizwa-Vorbereitung auch ein Tikkun-Olam-Projekt umzusetzen und Spenden dafür zu sammeln. Dieser wichtige Baustein im Judentum ist keineswegs exklusiv, christliche Nächstenliebe oder der buddhistische Friedensansatz gehen in die gleiche Richtung. Direktorin Hetty Berg sagt: »Die Kinderwelt soll ein Ort der Begegnung von Generationen, Religionen und Kulturen sein, für Menschen aus Kreuzberg, Berlin und darüber hinaus.«
Das Jüdische Museum Berlin hat ein ungewöhnlich junges Publikum: Auf fünf Erwachsene kommt ein Kind unter zwölf Jahren. Es hat auch deshalb den alten Mythos von Sintflut und Arche gewählt, um Jüngeren den Zugang zu ebnen. Die Empathie für Tiere erleichtert das Verständnis der in den Weltreligionen fast identisch überlieferten Geschichte. Auch die vielfältigen Interpretationen der Legende können die Suche nach Gemeinsamkeiten anregen und zum Miteinander motivieren. Außerdem ist die alttestamentliche Geschichte der Arche Noah - Gottes Strafgericht über die Menschen,
die Erwählung Noahs und dessen Errettung auf dem Berg Ararat, der Neubeginn in einer besseren Welt - angesichts der drängenden Klima- und Naturschutzprobleme erstaunlich aktuell. Das wird allerdings in dem großen Abenteuerareal nicht vordergründig thematisiert, was der Ausstellung sehr guttut. Neben der aufregenden Geschichte von Flut und Errettung steckt in der Inszenierung der klare Ansatz, dass es ums Selbermachen geht - Entscheidungen treffen und dann auch anpacken, sonst kann es bald zu spät sein. Dreh- und Angelpunkt bleibt, wie auch im Jüdischen Museum nebenan, die Heilige Schrift der Juden, die Tora mit ihren fünf Büchern Mose, und ihre Werte. Für alle Fragen rund um die Arche stehen sogenannte Anohis bereit, die durch die Abenteuerwelt begleiten. Vielleicht erzählen sie auch von der wundersamen Ausbreitung dieses Mythos durch Zeit und Raum. So wird schon auf einer Tontafel von der Größe eines Smartphones, datiert auf das Jahr 1700 v. Chr., in Keilschrift der Bau einer Arche beschrieben.
Verantwortlich für das gestalterische Gesamtkonzept war das US-amerikanische Architektur- und Designbüro Olson Kundig. Die fabelhaften Tiere wurden von einem größeren Team unter Leitung der Künstlerin Anne Metzen geschaffen. Weil alle Tiere zum Anfassen und Spielen gedacht sind, wird mit der Zeit einiges kaputtgehen. In weiser Voraussicht hält das Museum einen großen Wartungsetat vor. Die Anoha-Kinderwelt eignet sich für Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren (und ihre Familien). Es könnte sich bald herausstellen, dass auch Jugendliche hier durchaus ihren Spaß haben.

Gabriele Miketta
Arche zum Eintauchen, Anoha
Aus MuseumsJournal 4/2021, Panorama