4 | 2021 Oktober – Dezember

Zwischen Welten

Über Jahrhunderte kamen Menschen von überall nach Berlin und Brandenburg. Manche blieben, andere zogen weiter. Viele Museen erzählen vom Ankommen und Weggehen - und davon, wie Migration unser Zusammenleben in Zukunft prägen wird
 
Villa Global - The Next Generation
Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg/Jugend Museum
Nachbarn aus aller Welt
Der Name ist Programm: »Villa Global« heißt die Ausstellung des JUGEND MUSEUMS der Museen Tempelhof-Schöneberg. Sie ist Abschluss des Modellprojekts »Heimat Berlin«, für das das Museumsteam drei Jahre mit 1600 Kindern und Jugendlichen zu Migrationsgeschichte und Vielfalt gearbeitet hat. In 14 Zimmern trifft man etwa auf Kinder und Rapper, Journalistinnen und Träumer, die in Videointerviews von sich erzählen und auch die Räume eingerichtet haben.
museen-tempelhof-schoeneberg.de

Willkommen anno 1685
Als 1685 die Verfolgung und Unterdrückung der Hugenotten einen neuen Höhepunkt erreicht, entschließt sich der protestantische Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, um die französischen Glaubensgenossen zu werben. Mit dem Edikt von Potsdam, das als Toleranzedikt in die deutsche Geschichte eingeht, versichert
er ihnen Glaubensfreiheit und stellt zahlreiche Privilegien in Aussicht. Ganz uneigennützig ist das nicht - nach den immer noch wirksamen Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges erhofft er sich wirtschaftlichen Aufschwung. Etwa 20.000 Hugenotten finden in der Folge in Brandenburg eine neue Heimat. Sichtbarstes Zeichen dieser neuen Bevölkerungsgruppe in Berlin ist der französische Dom. Er beherbergt das HUGENOTTENMUSEUM, das nach Sanierung und Neukonzeption der Dauerausstellung im Herbst wiedereröffnet. Es betrachtet die Geschichte der Hugenotten in Berlin und Brandenburg von den Anfängen bis heute.
hugenottenmuseum-berlin.de

Deutsch-deutsche Fluchten
Wer die DDR Richtung West-Berlin verließ, kam als erstes hierhin, um das bürokratische Verfahren zu durchlaufen - ins NOTAUFNAHMELAGER MARIENFELDE. Nachdem die DDR die Staatsgrenze zur BRD gesichert hatte, blieb vielen nur der Weg über Berlin. Schon drei Jahre nach der Eröffnung des Lagers 1953 wurde der einmillionste Flüchtling aufgenommen. Der Bau der Mauer beendete die massenhafte Auswanderung, erst in den 1980er-Jahren stieg die Zahl der Ausgereisten wieder an. Im ehemaligen Haupthaus des Notaufnahmelagers befindet sich die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Exponate und Zeitzeugenberichte erzählen von Flucht und Neuanfang zwischen 1949 und 1990.
notaufnahmelager-berlin.de

Die jüdischen Geretteten
Geschätzt 10,8 Millionen Menschen waren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland fern ihrer Heimat. Unter diesen sogenannten Displaced Persons waren auch viele Juden, die den Holocaust überlebt hatten, allein in Berlin mehrere Zehntausend. Sie nannten sich selbst »der Rest der Geretteten«. Die Ausstellung »Unser Leben« im TEMPELHOF MUSEUM stellt vom 3. November 2021 bis 31. Januar 2022 insbesondere mit Selbstzeugnissen die Geschichte der drei größeren Berliner Durchgangslager vor, in denen diese Menschen zunächst Zuflucht fanden. Sie ist ab Eröffnung auch im Onlinearchiv we-refugeesarchive.org zu sehen.
museen-tempelhof-schoeneberg.de

Ein Stück Russland in Potsdam
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - auch und gerade zwischen europäischen Herrscherhäusern. Dass durchaus Untertanen als leibhaftige Überlassungen herhalten mussten, davon zeugt die russische Kolonie in Potsdam. Die russischen Kriegsgefangenen, die als Chor das preußische Heer unterhalten hatten, überließ Zar Alexander I. nach dem gemeinsamen Bündnis großzügig dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. für sein Garderegiment. Der beauftragte seinen Gartendirektor Peter Joseph Lenné mit dem Entwurf einer Kolonie für die Zwangsausgewanderten. In der hippodromförmigen Anlage wurden Blockhäuser im russischen Stil errichtet, umgeben von Gärten. Auf dem nahegelegenen Berg entstand eine Kirche. In einem der bis heute erhaltenen Häuser erzählt das MUSEUM ALEXANDROWKA die ungewöhnliche Geschichte der nach dem Zaren benannten Siedlung und ihrer Bewohner.
alexandrowka.de

Wir haben hier nur einen Ausschnitt ausgewählt, die gesamte Übersicht finden Sie im gedruckten Heft.

Nadja Mahler
Zwischen Welten
Aus MuseumsJournal 4/2021, Fokus: Migration