4 | 2021 Oktober – Dezember

Immer wieder Newton

Kennt man eines, kennt man alle? Auf die Bilder des Starfotografen trifft das ganz und gar nicht zu
 
Helmut Newton, Thierry Mugler Fashion, US Vogue, Monte Carlo, 1995
© Helmut Newton Estate, courtesy Helmut Newton Foundation
Helmut Newton ist kaum zu fassen. Die meisten meinen, sein Werk zu kennen, zumindest wichtige Aspekte daraus. Doch hat der deutsch-australische Fotograf ein so einflussreiches und ikonisches OEuvre hinterlassen, dass diese Ausstellung nur eine weitere Annäherung an das vermutlich meistpublizierte fotografische Werk sein kann. Es ist zeitgenössisch und zeitlos zugleich, es verstört und verzaubert uns bis heute. Wir arbeiten bei jeder Ausstellung intensiv mit Newtons Archiv, das seit einigen Jahren annähernd vollständig in unserer Stiftung verwahrt wird, und doch stellt die aktuelle Retrospektive sein Werk mit zahlreichen wiederentdeckten Motiven völlig neu dar.
Seinen unnachahmlichen Stil fand Newton im Paris der 1960er-Jahre, etwa mit einer Bildserie der damals revolutionären Modeentwürfe von André Courrèges, realisiert 1964 für die britische Zeitschrift »Queen«. Newton brauchte, das zeigt sich im Rückblick, gewissermaßen einen adäquaten Sparringspartner; das Aufeinandertreffen der verwandten Seelen beflügelte die kongeniale Auftragserfüllung und war Türöffner zur Avantgarde. Später wiederholte sich dies in der intensiven Zusammenarbeit mit Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld oder Thierry Mugler. Die teilweise engen Rahmenbedingungen und strikten Erwartungen seiner Auftraggeber ließen Newton gegen die traditionellen Darstellungsmodi opponieren.
Während Newtons Courrèges-Sequenz in einem matt verspiegelten Innenraum entstand, dessen Oberflächen die Modelle schemenhaft verdoppelten, arbeitete er parallel häufig in den Straßen von Paris, Pleinair. Seine weiblichen Modelle treten separiert oder als Gruppe, mal lasziv und elegant, mal anarchisch und verspielt auf. Solche Modebilder irritierten und provozierten die Magazinleser, gleichzeitig kommentierten sie subtil die Demonstrationen in Europas Metropolen und die Radikalisierung der bürgerlichen Jugend.
Eine Straßenszene aus Paris wurde zu einem der bekanntesten Modebilder aller Zeiten. Sie wurde 1975 in der September-Ausgabe der französischen »Vogue« in einem mehrseitigen Editorial zu Yves Saint Laurents Haute Couture veröffentlicht. Seitdem wird sie immer wieder publiziert; sie ist so zeitlos und ikonisch, so raffniert und enigmatisch, dass sie bis heute in den unterschiedlichsten Kontexten erscheint. Auch als lebensgroßer Abzug in Newtons Ausstellungen in aller Welt funktioniert die Bildkomposition. Aufgenommen hat Newton die Szene in der Rue Aubriot im Pariser Stadtteil Marais; im Bildhintergrund befindet sich sein Wohnhaus. Die Frau mit den kurzen, zurückgekämmten Haaren steht rauchend in der schmalen, spärlich beleuchteten Straße; sie trägt einen eng geschnittenen Hosenanzug von Yves Saint Laurent, eine revolutionäre Modesetzung, die in Newtons Bild ihre adäquate Visualisierung erfährt. Hier schwingt eine gewisse Ambivalenz mit, denn im nächtlichen Marais der 1970er-Jahre präsentierten sich auch Prostituierte - auf wen also wartet die unnahbare, mode- und selbstbewusste Frau? Newton rekurrierte mit dieser hintergründigen Inszenierung vermutlich auch auf die Berlin-Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner aus den frühen 1910er-Jahren, auf denen die Kokotten nachts rauchend am Pariser Platz auf ihre Kunden warten. Kirchner wie Newton stellen die modischen Frauen in ein Spannungsverhältnis zwischen Prostitution und urban-modernem Lebensstil, zwischen Frivolität und Eleganz. Indem Newton eine weitere Realitätsebene andeutet, vielleicht bloß ein Tagtraum, öffnet er einen unendlichen Assoziationsraum.
In dieser Zeit wuchs Newtons Interesse an der Porträtfotografie, begünstigt durch Aufträge von »Interview«, »Egoïste«, »Vanity Fair«, »Paris Match« oder »Esquire«. Die Porträts werden zu visuellen Kommentaren und Interpretationen der Schauspieler und Schauspielerinnen, der Künstler und Musikerinnen, er schuf für jeden und jede eine individuelle Rolle. Helmut Newton vermochte stets zu überraschen und zu polarisieren. Über die Verbreitung in Magazinen erreichte sein charakteristisches und erfolgreiches Bildwerk ein Millionenpublikum. Sein genreübergreifendes Arbeiten, das sich - wie in unserer Retrospektive zu sehen - über sechs Dekaden und unterschiedliche Genres erstreckte, entzieht sich jeder Kategorisierung. Konsum und Eleganz, Stil und Voyeurismus sowie die Fashion-, Beauty- und Glamour-Fotografie verband Helmut Newton zu einer unnachahmlichen Melange. Und er blieb innovativ bis zuletzt, auch medial.
Ausstellung und Publikation »Helmut Newton. Legacy« ging eine groß angelegte Sichtung des Archivs voraus, etwa der inzwischen vergessenen Editorials sowie Tausender von Kontaktabzügen, auf denen sich häufig Markierungen finden, die auf Newtons persönliche Auswahl verweisen. Auch Notizbücher mit seinen Bildideen, Polaroids und Kontaktbögen seiner stets analog belichteten Filme aus dem Stiftungsarchiv finden sich in der Ausstellung wieder. So konnten wir tiefer denn je in die kreativen Schaffensprozesse dieses außergewöhnlichen und prägenden Fotografen einsteigen.
Seit über 17 Jahren arbeite ich als Kurator und inzwischen auch als Direktor für diese Stiftung, habe zahlreiche Newton-Ausstellungen international an viele Museen und Kulturinstitute vermittelt, aber so eine Präsentation gab es noch nie. Und das Archiv bietet weitere Schätze, die in den nächsten Jahren zu heben sind und dem Werk anderer Fotografen gegenübergestellt werden sollten.

Matthias Harder
Immer wieder Newton, Helmut-Newton-Stiftung
Aus MuseumsJournal 4/2021, Ausstellungen